Kyoto im Regen

Bericht zum 22.09.2016 – Teil 2

Gestern war also der erste große Sightseeing-Tag. Ich hatte mir viel vorgenommen und habe einiges geschafft. Wenn nicht der Regen dazwischen gekommen wäre, dann hätte ich vermutlich noch mehr geschafft. Aber wenn ich ehrlich bin, dann hat mir das auch erstmal gereicht. Jedenfalls für heute. Morgen geht es ja weiter!

Der erste Tempel war gleich ein Klassiker der LonelyPlanet-Reiseführung. Ich dachte, ich würde mir einen absolutes Highlight der Tempel-Liga ansehen und war tatsächlich sehr angenehm überrascht. Es war wenig los (es war allerdings auch noch früh) und es waren kaum (westliche) Touristen da. Lediglich eine chinesische Familie hat lautstark auf sich aufmerksam gemacht. Ich hatte bereits vorher vernommen, dass (Achtung, Stereotype!) die Chinesen für Japan das sind, was die Russen für Europa sind. Damit sind natürlich immer alle gemeint. Also alle Russen überall in Europa und eben auch alle Chinesen; wie das bei solch plumpen Statements so läuft. Papa quaschte sich laut in den Exzess und die chinesischen Töchter machten quasi unentwegt mit ihren Selfie-Sticks rum: Entweder um tatsächlich Fotos zu schießen oder um sicherzustellen, dass die Haare auf dem nächsten Foto auch sitzen.

Wie dem auch sein der Tempel innen war fantastisch. Unglaublich symmetrisch so dass ich immer befürchtete ein Quatschkopf hätte vielleicht doch mal einen Spiel irgendwo hingestellt. Ich bin nicht sicher, ob das auf den Bildern so rüber kommt, aber vielleicht kann man es sich vorstellen.

Doch das war alles nichts gegen den Garten. Wirklich zauberhaft. Nicht riesig (wie eigentlich nichts in Japan – oha, die Stereotype nehmen zu, obwohl das nicht auf Personen bezogen war!), aber toll anzusehen.

Dann wollte ich den Geheimtipp im LonelyPlanet (LP) finden. Das erwies aber als schwierig. Ich stieß auf kleine öffentliche Parks, Tempelanlagen ohne Eintritt, Baseballplätze an denen trainiert wurde, kurz, ich stieß auf alles, aber nicht auf das was der LP beschrieb. Die Karte war, wie üblich, nicht wirklich zu gebrauchen und das Zeitalter der GPS-Koordinaten hat bei  LP noch nicht stattgefunden.

Nach ewiger Suche (immerhin war ich mit dem Fahrrad unterwegs und hab erstaunlich viel gesehen) habe ich dann die Eingebung gehabt: Mein erster Versuch war der Geheimtipp! Und das monumentale Ding muss die Straße noch weiter hoch gewesen sein. Und tatsächlich, so war es dann auch. Monumental kann man das schon nennen. Ein unfassbar riesiges Eingangstor.

Und noch unfassbarer: über 100 unfassbar steile Stufen die sich dahinter auftürmen. Aber es hilft nichts und ein bisschen Training schadet nicht. Aber den direkten Weg? Langweilig. Ich gehe gerne mal die ein oder andere Schleife. Einfach um ein wenig hinter die Kulissen zu sehen oder eine andere Perspektive zu bekommen. Oder auch nur, um nicht den gleichen Weg nehmen zu müssen. Das ist zwar meist anstrengender, aber ich hab Spaß daran.

Also rechts am Tor vorbei und erstmal das Fahrrad abstellen. Kurz bevor ich es zu den Anderen stelle fällt mir ein großes Plakat mit einem Übersichtsplan auf. Und da steht irgendwas von Tempel. Das muss es sein.

Aber so schnell nicht. Angefeuert durch den Plan will ich nun den ganzen Park sehen und schlage noch einen Bogen. Dem aufmerksamen Leser entgeht nicht, dass ich mittlerweile genau in die entgegengesetzte Richtung meines Ziels laufe. Und damit genau ins Verderben. Ich erspähe Miniaturtempel angereiht an Minaturtempel. Erinnerungen an Bali werden wach. Der Overkill nimmt seinen Lauf. Dazu kommen Reisebusse, die ihre Fracht schubweise auf die an Autobahnen erinnernden Wege entlassen. Wie Heuschrecken nähern sich diese Gruppen mit einem Geräuschpegel, der dem Untergrund nun doch alle Ehre macht.

Doch dann kommt das Unvermeidbare: Essen. Buden. Und nochmal Essen. Das ganze wird absurd. Es ist nicht mehr schön. Ich laufe auf einer Autobahn, an einer Überzahl an Tempeln vorbei und die Strecke ist überfüllt mit tausenden Touristen (wie ich) und werde dabei von Grillgeruch eingenebelt.

Da hilft nur eins: den Berg hoch! So sehr wie Menschenscharen das Essen lieben so sehr hassen sie die körperliche Anstrengung. Und tatsächlich. Je höher ich komme, desto erträglicher wird es. Ob die tatsächlich alle nur zum Essen gekommen sind? Ich „verlaufe“ mich abermals und bin am Ende weit den Berg hinaufgelaufen. Von hier kann man schön auf Kyoto hinabblicken.

Auf der anderen Seite des Ausblicks befindet sich ein buddhistischer Schrein. Dieser wird durch eine absurd technische Konstruktion vor Regen beschützt. Aber nicht der Schrein selber, sondern nur der 4m² große Vorplatz. Ich hätte gerne ein Foto davon gemacht, aber das ist verboten. Ich halte mich meist an solche Verbote und so auch hier. Daher bleibt es bei dieser Beschreibung. Der Tempel selber hebt sich nicht von den bisherigen ab.

Auch hier ist übrigens Lärm machen angesagt. Für Geld darf eine stumpfe Kuhglocke geläutet werden. Ich nehme an, die hatte Mal einen schönen Klang, aber dann haben irgendwann die Nachbarn ihre Taschentücher reingesteckt. Vermutlich als die Massenöffnung stattfand. Das war ja alles mal nur den Mönchen vorbehalten. Doch es muss ja finanziert werden und wenn man keinen Staat hat, der die Kirchensteuer eintreibt, dann muss man sich was einfallen lassen.

Aber genug. Nix wie runter und zum eigentlichen Tempel. Den suche ich nun schon (teilweise eigenverantwortet) seit Stunden.

Dank meiner Übersetzungsapp kann ich einige Schilder lesen und so den ein oder anderen Abstecher in ein nahgelegenes Restaurant vermeiden. Denn ich will zum Schrein.

Nachdem ich erneut einen Pilgerweg nehme, der mich zu einer weiteren hohen Aussichtsplattform führt habe ich langsam genug von Stufen.

Ich bin zwar weitestgehend alleine da oben, aber so langsam will ich zum Schrein.

Also nichts wie runter. Denselben Weg? Kann ja eigentlich nicht sein. Ich biege also ab und lande auf einem Friedhof.

Sehr schön und das ist einer der Momente wo ich dann froh bin, dass ich mich auch mal abseits bewege. Das war wirklich beeindruckend und ich hoffe, die Bilder spiegeln es wieder.
Also wieder runter vom Friedhof und endlich zum Schrein. Ich nenne ihn mal liebevoll den Tchernobyl-Schrein. Denn er ist in einem (vermutlich) unglaublich praktischen dunkelbraunen Wellblechsakrophag versteckt. Was das soll erfährt man (ich) nicht.

Dafür nimmt man erstmalig seine Schuhe in einer Plastiktüte mit in den Tempel (ausziehen ist ohnehin Pflicht). Drinnen habe ich dann das Glück eine Zermonie zu sehen. Ich verstehe kein Wort, muss mich aber einen Freund erinnern, der von seiner Auszeit in einem Kloster berichtet hat. Die Laut-/Wortwahl der Zeremonie ist stark repetitiv und ich bewundere, dass die Jungs nicht alle einnicken, bzw. im richtigen Moment in den monotonen Chorus einstimmen. Frauen sind keine bei den Teilnehmern. Nach der Vorstellung war ich geneigt zu applaudieren, aber dann fällt mir auf, dass das unpassend wäre. Ich beschließe Buddha über meinen inneren Steffen zu danken. Das scheint mir angebracht und wir kennen uns ja spätestens seit der 70 Tonnen-Glocke.
Unangebracht hingegen sind die riesigen Klimaanlagen, die kalte Luft in den Tempel blasen. Nicht, weil ich gegen Klimaanlagen bin (im Gegenteil!), sondern weil direkt neben (und eigentlich überall) der Klimaanlage die Fenster sperrangelweit offenstehen. Kein Wunder, dass die soviele AKW brauchen. Die Buddhisten mit ihren Tempeln sind schuld.

Dann will ich weiter und bleibe im Regen stecken. Das steht ja bereits im @4.

Der darauf folgende Tempel ist noch ein Gigant. Der Weg dahin allerdings auch, denn er führt duch die twoyearstreet(?) und die threeyearstreet(?). Beide sind Aneinanderreihungen von Geschäften, die von Kunst über Essen bis hin zur traditionellen Kleidung alles verkaufen, was man sich vorstellen kann. Alles kein Ramsch, sonder durchaus ansehnlich. Aber eben zu kaufen. Die Touristen freut es offensichtlich und ich schaue mir das bunte Treiben an.

Oben am Tempel angekommen bin ich der einzige mit Fahrrad. Ein netter Polizist weist mich sofort freundlich auf den Fahrradstellplatz hin. Dort ist immerhin noch ein weiteres Fahrrad. Abschließen und rauf.

Eine Massenveranstaltung. Nicht zu vergleichen, mit dem Beginn meines Tages. Dennoch, es ist schon gigantisch und beeindruckend schön. Bei gutem Wetter vielleicht noch mehr, aber auch so ist es atemberaubend. Das Tempelinnere lockt mich mittlerweile nicht mehr so, aber diese Anlage ist derart in den Hügel gebaut, dass sich nicht zuletzt der Blick auf das von Bergketten umschlossene Kyoto für alles entschädigt.

Toll. Zum Abschluss gibt es noch einen Schluck aus einer Quelle, die Wünsche erfüllt. Ich habe einen ordentlichen Schluck genommen und meinen Wunsch währenddessen als Bandwurmsatz vorgetragen. Ich hoffe, ich hab nichts vergessen zu wünschen, aber eigentlich sollte das gut gehen. Sonst komm ich halt nochmal wieder, wenn ein paar Sachen fehlen sollten.
Danach habe ich zwei Damen aus Kanada und Chile kennengelernt. Schwestern. Eigentlich aus Indien. Es war kompliziert. Die hatten einen privaten Führer dabei und so konnten wir bergab noch die ein oder andere Erkenntnis mitnehmen. Der Abend klang dann bei Suppe und Bier aus. Der Rückweg war eine Regenschlacht.

Ich stellte mich kurz unter, um dem Regen aus dem Weg zu gehen. Ein Daiso-Laden war mein Ziel. Hier eine kleine Auswahl des Sortiments.


Die Tischsocken hatte ich kurz zuvor beim Keys Café zum ersten Mal gesehen. Und nun schon im Laden. Nein, ich hab sie nicht gekauft.
Und jetzt gute Nacht. Ich gehe nun Karaoke singen. 🙂

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