Der frühe Vogel fliegt

Bericht zum 25.09.2016 – Teil 1

Der letzte Abend hatte Erkenntnisse zum Spielverhalten der Japaner an den Tag gebracht. Keine vier Stunden später, nämlich um drei Uhr morgens, bin ich wieder aufgestanden. Mein Bus zum Kansai International Airport fuhr um 4:30h ab Kyoto Station. Die Kyoto station ist normalerweise etwa sieben Minuten mit dem Zug entfernt, aber um die Uhrzeit sind noch nichtmal die Japaner wach und deswegen fährt der erste Zug auch erst viel später. Da nicht klar war, ob ein Taxi an meiner Station um die Zeit zu bekommen wäre, musste ich spätestens um 3.30h los. Denn laut Google Maps hätte der Weg 53 Minuten zu Fuß gedauert. Allerdings vermutlich ohne ein Dutzend Kilogramm Sachen auf dem Rücken. Dennoch wäre das als letzte Option ein Sicherheitsnetz (wenn auch ein anstrengendes) gewesen.

Doch es gab genau ein Taxi, dessen Fahrer ebenso erfreut war mich zu sehen, wie ich ihn. Ein Marsch blieb mir also erspart. Stattdessen ging es durch die leere dunkle Stadt in Rekordzeit zur Station. Das Taxameter zeigte für die knapp 6 km 1790 Yen an. Da man zwar in Japan kein Trinkgeld gibt, aber im Taxi durchaus bei solchen Summen rundet, wollte ich 1800 Yen in die ubiquitäre Bezahlschale legen. Doch der Taxifahrer lächelte nett, murmelte etwas von Service und wollte partout nur 1500 Yen haben. Was soll man machen. Ich bedankte mich recht herzlich bei ihm, bezahlte den gewünschten Betrag und war überpünktlich, aber nicht allein, am Abfahrtspunkt. Die Zeit konnte nun also für ein kleines Frühstück genutzt werden. In einem Convenience Store (kleiner Supermarkt,  meist Ketten) sah ich dann Eßbares an der Kasse. Ich konnte mich allerdings in der Frühe nicht überzeugen das zu probieren. Weder weiß ich annähernd was da so drin ist, noch habe ich eine Ahnung wie ich das essen sollte. Ich beließ es daher bei einem Foto. Vielleicht später mal, denn diese Boxen habe ich durchaus häufiger schon gesehen.

Im Bus geht es dann einigermaßen bequem zum Kansai International Airport. Der Flughafen ist deswegen besonders, weil er komplett in die Bucht von Osaka gebaut ist. Man fährt eine ziemlich lange Brücke hinaus, um dann quasi mitten in der Bucht zu starten. Baulich haben die Japaner es schon raus, das kann man nicht anders sagen.

Es versprach ein wunderbarer Tag zu werden und ich war nicht so sicher, warum ich mich überhaupt von hier wegbewegen sollte.

Sonnenaufgang (Nippon) am KIX

Dann ein kurzer Blick aufs Wetter. Nicht gut. Der Taifun Megi hat sich gebildet und hat offensichtlich als Ziel meine Pläne zu durchkreuzen, denn er will, so die Vorhersage, nur etwa 100km neben meinem Ziel Ishigaki nach Taiwan durchstarten. Und das genau dann, wenn ich in Ishigaki bin.

Nach kurzer und intensiver Bedenkphase beschließe ich doch erstmal hinzufliegen; man kann ja mal gucken und irgendwie wollte ich da schon gerne hin. Also Gepäck abgeben und in den Flieger. Doch dann wird es verwunderlich, denn die Sicherheitsbestimmungen der EU und der USA sind längst nicht das Maß der Dinge. So dürfen z.B. Spraydosen (wie mein Moskitospray) nicht in das aufgegebene Gepäck. Auch Feuerzeuge dürfen dort nicht rein. Ich hatte erst angenommen es sein andersherum und die Angaben bezögen sich auf das Handgepäck, doch am Counter, vor den Augen der Dame der Airline, musste ich das Feuerzeug, was ich im großen Rucksack hatte, umsortieren. Seltsam. Mir war schon immer klar, dass diese Regeln einigermaßen willkürlich sind, aber dass sie sich derart unterscheiden führt die Sache ad absurdum.

Es gab auch ein Schild für Plastikflaschen. Ganz klar, dachte ich, die müssen leer sein, um im Handgepäck mitgenommen zu werden. Doch nicht in Japan. Jede Flasche, egal ob voll, halbvoll oder leer, kommt hier in eine spezielle, eigene Kiste und wird zusammen mit dem anderen Gepäck durch die Scanner geschoben. Auch meine leere Flasche erfuhr diese Behandlung. Da fragt man sich dann schon, welches Konjunkturankurbelungsprogramm da an europäischen und amerikanischen Flughäfen gefahren wird. Mit der tatsächlichen Sicherheit scheint es (nach japanischen Standards jedenfalls, die ich nicht als geringer einschätzen würde) jedenfalls nichts zu tun zu haben.

Als einer von drei nicht-Asiaten steige ich dann endlich in den gut gefüllten Flieger.

Ich sitze am Gang und habe einen Nachbar im Mittelsitz. Hoffentlich bleibt der Fenstersitz frei und ich kann mich dahin umsetzen, um ein wenig die anderen überflogenen Archipele ansehen zu können.

Tatsächlich er bleibt frei! Ich frage zunächst aus Höflichkeit meinen Nachbarn, ob er nicht aufrutschen möchte. Dann hätten wir beide ein wenig mehr Platz zwischen uns. Er bedankt sich, verneint aber. Komisch, denke ich, aber dann kann ich ja den Platz einnehmen. Ich frage ihn, ob er was dagegen hat, dass ich den Platz nehme. Doch da hat er was dagegen. Warum nur? Das Boarding ist complete und der Sitz frei. Er redet etwas von „alle Plätze seien reserviert bzw. zugewiesen“. Die Sprachbarriere macht die Sachen auch hier nicht einfacher, doch seine Ansicht ist klar. Plätze sind zugewiesen, da darf man sich nicht umsetzten.

Genau in diesem Moment ertönt die englische Ansage „You may now change your seat.“ Das würde ich gerne als Argument verwenden, aber er hat das sicherlich nicht gehört bzw. verstanden und bei der japanischen Ansage (die davor lief) offensichtlich nicht aufgepasst. Es hilft nichts und einen Streit will ich deswegen auch nicht anfangen. Der schöne Fensterplatz bleibt also unbesetzt, ich am Gang, der Herr dicht an meiner Seite und ich versuche mich abzulenken indem ich, wie alle anderen im Flieger, die Augen langsam zufallen lasse.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Der frühe Vogel fliegt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s