Gegen den Wind

Bericht vom 27.09.2016

Der zweite Tag in den Fängen von Megi. Wie man schön sehen kann hat dieser einäugige Zyklon mich hier gut im Griff. Man kann Ishigaki zwar auf dem Radarbild unten nicht mehr sehen, aber ich kann Euch sagn, dass wir ca. 150 km östlich vom Zentrum sind. Nicht ganz drin, aber recht nah dran. So war dann auch die Nacht ein wenig unruhiger. Es wurde deutlich lauter und auch der Regen setzte irgendwann hörbar ein.

An Rausgehen war also erstmal nicht zu denken, so dass ich bis 10 Uhr schlief oder mich in der 30° Hitze eben so hinzulegen versuchte, dass möglichst wenig festschwitzen würde bzw. die festgeschwitzten Teile gelegentlich mal im Windhauch des Ventilators abtrocknen konnten.

Danach blieb Zeit für andere Dinge, wie z.B. Waschen. Trotz des Taifuns beschloss ich meine Sachen draußen aufzuhängen. Meine 10m Allzweckleine (die mir schon häufig in verschiedensten Situationen weitergeholfen hat) benutzte ich, um die Bügel und auch die Wäsche zu sichern. Das sah soweit auch ganz gut aus. Nachdem ich die Situation ein paar Minuten beobachtet hatte, kam ich zu der Einschätzung, dass auch in ein paar Stunden meine Sachen noch an derselben Stelle sein müssten.

Doch just in dem Moment, in dem ich mich abwandte hörte ich nur zweimal ein lautes Knacken. Eine Böe hatte sich meiner Konstruktion angenommen und sie eiskalt, inklusive der Kleiderbügel, zerstört. Taifun 1, Steffen 0. Jetzt hängen die Sachen drinnen. 🙂

Aber den ganzen Tag drinnen hocken war keine Option. Ich würde irgendwann rausgehen, es würde anstrengend werden und ich würde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht trocken bleiben. Doch Moment mal! Sind das nicht genau die Kennzeichen einer Runde Joggen? Naßgeschwitzt und anstrengend? Na, vielleicht ließe sich das ja kombinieren? Ich hatte bereits gestern eine Stelle gefunden, an der sich die Wellen des äußeren Riffs ganz gut beobachten ließen. Doch nochmal dasselbe wäre langweilig und es gab ein wenig weiter entfernt eine Stelle, die auch vielversprechend aussah. Das Ziel war also gefunden.

Zum Glück hatte das Regenradar der Japaner angezeigt, dass es ab 13h nicht mehr regnen sollte. Das trat auch ungefähr ein und so schmiss ich mich in meine Laufklamotten und wurde von den anwesenden Japanern nur ein wenig ungläubig angeguckt ob meines Vorhabens. Doch, so dachte ich mir, wenn eine Insel einigermaßen regelmäßig von solchen Unwettern heimgesucht wird, dann ist alles was wegwehen kann eigentlich schon weg. So sieht das übrigens auch Robert Speta auf WesternPacificWeather.com.

Die Vorsichtsmaßnahmen der lokalen Bevölkerung bestanden ja auch in erster Linie im Aufspannen von grünen Netzen, die Pflanzenteile vielleicht, aber Metall oder anderers sicherlich nicht abhalten konnten.

So lief ich also los und als ich am Hafen angelangt war, spürte ich das erste mal die wahren Windgeschwindigkeiten. Ohne den Schutz der Häuser war das eine stürmische Angelegenheit. Selbst auf dem kleinen Hafenbecken bildeteten sich Schaumkronen und der Wind nahm die Gischt waagerecht übers Wasser mit. Da das Wasser trotz zugezogenen Himmels (da muss ich irgendwie nochmal nachlesen) wunderhübsch türkis schimmerte, boten diese Wellenkämme ein malerisches Bild.

Der Lauf selber wurde atemberaubend. Es war lustig, da man sich erkennbar anstrengte und doch nicht so recht vorwärtskam. Wenn man ordentlich hochsprang beim Laufen, dann konnte es sogar passieren, dass man an der selben Stelle des Absprungs oder nur wenig weiter wieder aufkam. Gefährlich wurde es zumal immer dann, wenn man aus einer Abdeckung hinaus in den offenen Wind lief. Der blies so stark, dass ich zweimal beinahe gestolpert wäre, weil mir der fiese Wind das eine Bein hinter das andere wehte. So, als ob mir jemand ein Bein stellen wollte. Miese Sache.

Im Gesicht war die Sache auch nicht ohne. Denn der Wind peitschte das Wasser frontal und ohne Rücksicht in mein Gesicht. Doch Moment. Welches Wasser? Es hatte doch aufgehört zu regnen! Richtig, es war die Gischt, die mich völlig durchnässte, da sie waagerecht übers Land getrieben wurde. Ich wurde also an Land naß. Mit Salzwasser. Zumindest der Teil meiner Erwartung hatte sich erfüllt.

Ich erreichte mein Ziel nach vielen Stops, um den Weg zu finden (die Kartengenauigkeit von Google ist hier fernab von dem was man zuhause gewöhnt ist) und das Spektakel anzusehen, und genoß erstmal die rohen Kräfte der Natur. Wahrlich riesige Wellen türmten sich am Riff auf. Ich würde sagen vom Tal bis zum Kamm waren das locker 10m. Aber Wellenhöhen schätzen ist eine Sache für sich. Ich kann bestätigen, sie waren riesig.

An der Kaimauer sah ich auch ein Auto. Der Besitzer hatte es im Boden verankert. Und das war auch gut so, denn es bewegte sich merklich in den Böen.

Der Rückweg ging an einer völlig verwitterten Schule vorbei. Die sah aber noch so aus, als wäre sie in Betrieb. Ein wenig kurios.

Auch lief ich an einem Denkmal vorbei, dass meinen Gesichtsausdruck in Teilen meines Laufs gut wiederspiegelt. Vielleicht musste der arme Mann ähnliches durchmachen, konnte sich das aber nicht so freiwillig wie ich aussuchen.

Die Bilanz des Sturmes, die ich auf meinem Weg wahrnahm, waren mehrere entwurzelte, umgekippte Palmen, eine zerstörte Holzbank, ein umgekipptes Gerüst, unzählige umgeschmissene Blumenkübel jeder Bauart und bis zu armdicke Pflanzenreste auf den Straßen.

Am Ende war ich froh, wieder sicher zuhause angekommen zu sein. Und die Süßwasserdusche war auch sehr angenehm.

Am Abend gab es ein weiteres japanisches Dinner.

Es gibt Tem-Don. Wie ich gelernt habe bedeutet Don, dass etwas auf Reis serviert wird. Und das Tem steht für Tempura. Also Tempura auf Reis. Zum Nachtisch gibt es Sata Andagi, eine Süßspeise aus Okinawa. Im Prinzip kleine süße frittierte Bällchen. Und dann noch ein paar Früchte. Z.B. Weintrauben, die hier kunstvoll im Mund geschält werden. Allerdings nur die roten. Ich bin beim Versuch gescheitert und hab sie dann einfach ganz gegessen. War auch lecker und wurde schmunzelnd akzeptiert.

Vielleicht schaffe ich es morgen endlich nach Iriomote. Das Fährunternehmen hat mir noch nicht alle Hoffnungen genommen, daher werde ich morgen früh checken, ob es irgendeinen Weg rüber gibt.

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