Iriomote – Welcome to the jungle

Bericht vom 28.09.2016

Der Tag heute fing gut an. Die Fähren fuhren wieder und so gelang es mir dann doch endlich von Ishigaki wegzukommen. So schnell wie der Taifun gekommen war, so schnell ging er auch wieder. Der nächste (#18) ist übrigens schon im Anmarsch. Aber den werde ich verpassen und das ist auch gut so. Einer reicht.

Nachdem ich meinen Rucksack gepackt, die letzten Trockennudeln (die hier sehr viel ausgefallener als bei uns sind) gegessen und mich mit einem ordentlichen Vorrat an Wasser ausgestattet hatte, machte ich mich zügig auf den Weg zum Hafen. Die Fähre um 9:30h war mein Ziel und kurz vor dem Hafen war es 9:18h. Da die Japaner aber überpünktlich sind (tatsächlich hat meine Fähre um 9:28 die Leinen los gemacht), war ich trotzdem ein wenig in Hektik. Ein Ticket musste ich ja auch noch kaufen. Das ging problemlos und die Hin- und Rückfahrt kostete mich 4000 Yen (36 Euro). Immerhin sind es beinahe 40 km und die Fahrt sollte ca. 40 Minuten dauern. Am Gate 5 fuhr mein Schiff und damit ich auch etwas sehe und spüre, bleibe ich im oberen Bereich des Schiffes. Der ist mit Plastebänken ausgestatten und man merkt schon, dass dieses Schiff nicht die erste Tour fährt. Die Farbe blättert an allen Ecken und Enden ab und ob genug Rettungswesten an Bord sind habe ich besser nicht gezählt. Auch eine Rettungsinsel ist meinem Auge entgangen. Vielleicht braucht man die bei solchen Wassertemperaturen nicht?

Sobald wir den Anleger einigermaßen verlassen hatten, legte der Kapitän die Hebel auf den Tisch. Mit einem Höllenlärm, der mich sofort an mein Pachinko-Erlebnis erinnerte, machte sich unser Kahn auf den Weg. Und schnell war er auch noch. Eine kurze GPS-Messung ergab 60 km/h. Vielleicht war der ja genau wie mein Moped gedrosselt?

Kaum auf Iriomote in Uehara im Norden der Insel angekommen begann meine Suche nach einem Quartier. Das von Japanern in meiner Ishigaki-Unterkunft empfohlene Alfa-Room lag direkt am Hafeneingang. Doch meine Nachfrage wurde ziemlich unwirsch mit gekreuten Armen (ein recht eindeutiges Nein) beantwortet. Das kannte ich auch schon freundlicher. Man muss an dieser Stelle vielleicht erwähnen, dass Japaner spontane Unterkunftsansuchen häufig nicht so wirklich klasse finden. Eine Anmeldung (und sei es nur 30 Minuten vorher per Telefon) ist höchst willkommen. Das wollte ich ja auch gerne machen, aber die Internetseite der Unterkunft bot (nach japanischer Recherche) keine Telefonnummer an. Wie dem auch sein, der LonelyPlanet und mein Wikivoyage-Reiseführer hatten ja auch noch Unterkünfte. Und da die eine direkt gegenüber war, beschloss ich dort anzufragen.

Hier sprach, wie immer, keiner Englisch. Aber mit Händen und Füßen und gutem Willen auf beiden Seiten brachten wir einen Deal zu stande. Ein japanisches Zimmer mit gemeinsam genutzen Sanitäranlagen für 3000 Yen (27 Euro) die Nacht. Nach meinen bisherigen Erfahrungen ist das durchaus in Ordnung und so blieb ich da. Die Nähe zum Hafen (Uehara) spielt auch eine große Rolle, denn ich muss die erste Fähre übermorgen um 7:40h bekommen, damit ich den Flieger um 10:40h ab Ishigaki nehmen kann. Das Zimmer ist zudem riesig und hat eine Klimaanlage. Welch Luxus!

Die Reiseziele in Iriomote sind jetzt nicht übermäßig zahlreich, da war der Plan für den Rest des Tages schnell gemacht. Um 12h hatte ich gegenüber für 500 Yen (4.50 Euro) ein Fahrrad gemietet und wollte mich als erstes an den sagenumwobenen Hoshizuna-Strand (Hoshisuna-no-hama) begeben.

Und da begannen die Probleme. Denn obwohl der Strand überall als Highlight angegeben ist, kommt keiner auf die Idee mal ein Kreuz zu machen wo der denn nun genau ist. Vielen Dank auch mal wieder an den ungenauesten Reiseführer der Welt, den LonelyPlanet. Aber auch die anderen sind nicht besser. Ich beschließe also mit Muskelkraft bei 30°+ in der Mittagshitze das schon irgendwie zu finden. Und tatsächlich ein großes Schild weist mir bei einer Hauptstraßenkreuzung den Weg. Super, so soll es sein.

Leider bleibt es das einzige und letzte Schild. Darüberhinaus ist es irreführend, denn eine Kreuzung drauf hätte man abbiegen müssen. Das erfahre ich aber erst viel später. Zunächst pedale ich frohen Mutes weiter und werde erst misstrauisch, als ich Schilder lese, die ich eigentlich erst mit dem morgigen Tag verbinden wollte.

Handy raus, Lagebestimmung. Ich bin offensichtlich zu weit. Also zurück und links abbiegen. Parallel zum Strand zu fahren ist bei einer Strandsuche ja eigentlich kein schlechtes Rezept. Immer am Strand entlang führt mich aber zum Moon Beach, der deswegen seinen Namen trägt, weil er halbmondförmig und sehr pittoresk um einen Felsen herumorganisiert ist. Auch kann man da wohl gut tauchen und ich sehe ein paar Stand-Up-Paddler, die tatsächlich ein paar Wellen absurfen. Die sind allerdings in weiter Ferne und ich bin völlig alleine.

Vielleicht kann ich das ja morgen noch einbauen? Doch jetzt erstmal weiter. Die Straße zurück und vor allem hoch zurück. Es beginnt schweißtreibend zu werden. Ein erneuter Blick und ein paar hundert Meter weiter bin ich nun, ganz ohne Gefühl, in dem Areal, wo der Schriftzug Hoshizuna Beach prangt. Irgendwo hier muss es also sein. Eine Stichstraße, die natürlich bergab geht, führt mich in eine Sackgasse. Vielleicht gab es ein Schild mit einem Schriftzeichen, aber im Land der Zeichen hätte man da auch mal ein standardisiertes Schild hinstellen können. Egal, ich sehe es sportlich. Was bleibt mir auch anderes übrig.
Die nächste Stichstraße, diesmal ohne jegliches Schild, scheint ein ähnliches Ende zu nehmen. Doch dieses Mal höre ich das Rauschen des Meeres. Es kann nicht mehr weit sein. Es gibt allerdings nicht wirklich einen Weg. Vielmehr wieder irgendwelche roten Zeichen mit gefühlt hunderten Ausrufezeichen, bevor ein Trampelpfad sich durch dichtestes Gewächs bahnt. Eine Einladung sieht anders aus. Aber da muss ich jetzt durch.

Dem Rauschen des Meeres folgend und die Schilder (mal wieder) ignorierend eröffnet sich ein wunderschöner Strand vor mir. Und nur für mich. Ich bin ganz alleine und setze meine Fußspuren in den Sand. Das kann unmöglich dieses Ding sein, was in jedem Reiseführer steht. Es ist toll, aber ich habe Respekt vor dem Wasser und denke, dass das nicht so richtig verantwortungsvoll wäre hier jetzt den Schnorchler zu machen. Wenn irgendeine Strömung zupackt, dann kann ich hier maximal Flipper Bescheid sagen (und ob der so schnell da ist… der ist ja nun auch schon ein paar Jahre alt).

Nach kurzem Füßetunken und Genuß gehe ich wieder hoch und fahre den elendigen Stichpfad zurück zur Hauptstraße. Ich habe jetzt die Schnauze voll und fahre an die Stelle, die aussieht, als hätte sie ein paar Lokalitäten. Und endlich. Bingo. Ich habe den Strand gefunden.

Hoshisuna-no-hama

Leider ist Niedrigwasser, was die Sache nicht ganz so spannend macht. Auch das steht in keinem Reiseführer. Immerhin kann ich so mit FlipFlops weit rauslaufen, meinen Rucksack an eine Koralle hängen, die sonst unter Wasser ist und dann in einem der etwas tieferen Bereiche abschnorcheln. Das Ergebnis ist mau. Die Ausbeute in Ishigaki war besser und vom Farbreichtum anderer Schnorchelerlebnisse rund um die Welt kann das leider auch nicht mithalten. Ich bleibe dennoch recht lange im Wasser und freue mich, dass ein paar kleine Fische an mir gefallen finden und mir folgen. Unangenehm wird es, als ich merke, dass ein etwa unterarmlanger Fisch mir auch folgt. Er ist mehr als doppelt so groß wie alle anderen Fische und ist nicht bunt. Und wir wissen alle, dass die nicht-bunten Fische die gefährlichen sind. Ich werde ihn partout nicht los und beschließe die Location zu wechseln und hoffe, dass mir der Fisch über das allzu Flache nicht folgen kann. Vielleicht ist Niedrigwasser doch nicht so schlecht?

Auch die weiteren Tauchgänge sind so lala. Vermutlich ist es draußen am Riff besser. Aber da traut sich keiner hin und ich mache da dann mal keine Ausnahme. Im offenen Meer ohne Flossen und vor allem mit der aufgewühlten See des Taifuns… man muss sein Glück nicht überreizen und ich brauchte es später noch.

An Land kaufte ich im Kiosk zum ersten Mal Sand von einem Strand. Moment, Sand? Was ist denn eigentlich so besonders an diesem Strand? Es ist wohl kein Sand, sondern Abermillionen von Miniaturseesternen die hier regelmäßig verenden. Und deren Körper machen diesen Sand. Man kann das auch ganz gut im Sand sehen, aber die käuflichen Sandproben haben verschiedene Vorteile:

  • Sie sind klein abgepackt, das heißt mein Rucksack ist nicht voller Sand und ich schleppe keine Plastikflasche nur für ein wenig Sand mit mir rum.
  • Sie sind sortiert. Das heißt man hat sehr viele von den tatsächlich erkennbaren Miniseesternen dabei. Das ist am Strand (mittlerweile) eher eine Ausnahme.
  • Sie sind mit 250 Yen nicht völlig überteuert.

Nach diesem Strandausflug stellt sich die Frage was nun? Es ist 15:15h und die Bootstour die ich eigentlich für morgen geplant hatte, startet nur bis 15:30h. Also in Japan bis 15:25h. Das schaffe ich selbst im Batmobil nicht.

Ich gucke auf meine Tourikarte und lese etwas von einem Wasserfall, dem Pinaisāra-no-taki. Das klingt doch super. Die Angaben sind unklar, doch normalerweise soll das 2-3 Stunden dauern; wenn ich bis 16 Uhr am Startpunkt bin, dann bin ich auch bis zum Sonnenuntergang (gegen 18h) wieder zurück. Also, nix wie hin. Auf dem Weg komme ich an meiner Unterkunft vorbei und beschließe noch andere Schuhe mitzunehmen. FlipFlops sind vielleicht nicht unbedingt das ideale Wanderschuhwerk. Das erweist sich als schlau.

Google Maps ist mal wieder (ebenso wie alle anderen Karten) in Japan eine Katastrophe. Ich navigiere nun frei nach Schnauze und bin mir mehrfach nicht sicher, ob ich mich noch irgendwie auf dem rechten Weg befinde. Behausungen sind spärlich, Personen noch viel mehr, Autos nicht existent und selbst die sonst ubiquitären Getränkeautomaten sind nicht mehr zu sehen. Doch dann, nachdem ich, laut Google, bereits auf Bäumen fahre (die Straße hat auf der Karte schon eine Weile vorher aufgehört), kommt ein Parkplatz. Super, das muss es sein. Vor mir steigen zwei Mädels aus einem Auto aus. Sie tragen FlipFlops. Noch besser, dann bin ich also gut ausgestattet. Ich beeile mich mein Fahrrad abzuschließen/abzustellen und tapere hinterher. Schilder sind wie immer nur in Japanisch und spärlich. Ich fühle mich an Touren in Kolumbien und Indonesien erinnert. Ist das wirklich Japan hier?

Ich ignoriere (gezwungenermaßen) wieder so einige Warnschilder. Ich habe mich daran gewöhnt. Auch die Übersetzungsapp funktioniert nicht mehr, da mein Handy keinen Empfang hat. Wenn jetzt etwas schief geht, dann geht es richtig schief. Doch nach dem Pumpenhaus (für die Gewächshauser an denen ich auf dem Weg zum Parkplatz irgendwann vorbeikam), schöpfe ich wieder Mut. Solide Holzstege wurden in den breiten Wasserlauf gebaut.

So geht es zügig voran und ich erblicke am Ende des Steges nach kurzer Zeit Buntes. Kajaks. Unendlich viele Kajaks. Hunderte. Ich bin geneigt zu sagen an die Tausend. Und dann, am Ende der Kajaks, die beiden Mädels. Ich spreche sie an. Sie arbeiten für eine Firma die Kajaktouren anbieten. Man fährt auf so einer Tour von unten nahe an den Wasserfall heran.

Eine der beiden kann Englisch. Yeah! Doch das Ergebnis ist ernüchternd. Es gäbe wohl einen Weg zu Fuß, den seien sie aber noch nie gegangen. Er sei klein, hätte aber keine Gabelungen (hahaha) und würde so 2-3 Stunden dauern. Daher würden sie mir das für heute nicht empfehlen. Ich stimme zu, denn mittlerweile ist es schon nach vier. So macht das keinen Sinn. Doch ich will wissen, wo die Abzweigung ist, an der ich vorbeigelaufen sein soll. Ich war mir so sicher, dass es keine gab, denn ich bin mit extra offenen Augen da lang gelaufen. So langsam kenne ich ja meine Pappenheimer.

„Am Pumphaus“ müsse ich wohl links gegangen sein. Der Weg würde nach rechts abgehen. Ich bedanke mich, notiere mir ihren, als auch einen weiteren Anbieter (mit englischsprachigem Guide) und will die Abzweigung finden. Für morgen.

Doch keine Chance. Die Abzweigung bleibt verschollen. Am Pumpenhaus ist dichtestes Gestrüpp. Da war nie und wird nie ein Pfad abgehen. Ich bin wieder am Parkplatz und grübele. Das eine Mädel schien schon zu wissen wovon sie redete. Also nochmal zurück. Ab der Pumpenstation nehme ich nun jeden Meter akribisch unter die Lupe.

Es führt ein Bachlauf von der Station weg. Hmm. Ich, als alter Überlebensoutdoorkämpfer (Ironie), weiß natürlich, dass der schnellste Weg durch den Dschungel im Flussbett verläuft. Doch dieser Bach läuft parallel zum Holzsteg. Ich behalte ihn im Auge und beschließe, dass es keinen Sinn macht im Flusbett zu laufen, solange ich den Bach vom Steg aus sehen kann. Ich laufe nun wieder auf dem Holzsteg. Bin ich vielleicht auf dem Holzweg?

Ich verliere allmählich die Hoffnung. Seit einer halben Stunde suche ich nun schon und die Zeit bis zum Sonnenuntergang läuft mir davon. Da fällt mir etwas auf. Der Holzsteg ist hier ca. einem Meter über dem Boden, doch man könnte an dieser Stelle, mit sehr viel Fantasie, durch das Gestrüpp zum Bachlauf durchgehen. Ich probiere es und hangele mich durch das dornige Gestrüpp. Jetzt stehe ich im klaren Bachwasser. Wie gut, dass ich die FlipFlops noch anhabe. Ich beschließe dem Bachlauf auf Verdacht ein wenig zu folgen. Jetzt nur nicht verlaufen, denn der Sonnenuntergang naht, ich habe nur ca. 1 Liter Wasser, eine Bifi, einen Müsliriegel und keinen Handyempfang.

Und dann das Erlebnis. Da ist er! Der Weg. Krass. Das hatte ich schon nicht mehr für möglich gehalten.

Auf dem folgenden Video zeige ich wo der Weg abgeht. Zu dem Zeitpunkt wo man abbiegen muss ist man schon eine Weile weg von der Pumpenstation und vom Parkplatz erst recht.

Der Eingang zum Weg zum Pinaisara-Wasserfall auf Iriomote, Japan.

Ich beschließe nach diesem Erfolgserlebnis mal zu gucken, was das so für ein Weg ist. Solange ich um 17h umkehre, sollte ich bis zum Sonnenuntergang wieder am Parkplatz sein. Bis dahin ist also alles OK.

Für alle, die den Weg nachlaufen wollen, hier ein paar Koordinaten.

Parkplatz (GPS: 24°23’22.2″N 123°48’35.9″E)

Abzweigung  (GPS: 24°23’20.3″N 123°48’38.8″E)

Wasserfall, ピナイサーラ (GPS: 24°22’54.5″N 123°49’13.5″E)

Man kann meines Wissens nicht direkt vom Parkplatz nach unten laufen, sondern kommt nur oben am Wasserfall an. Es gibt aber wohl einen Weg am Wasserfall entlang von oben nach unten. Mit den Kanus kommt man ein paar Fußminuten (Reiseführer schreiben von etwa 30 Minuten) vom unteren Teil des Wasserfalls an.

Der Weg ist klein. Riesige Pfützen versperren ihn, halten mich aber nicht auf. Ich kämpfe mich durch und beginne das Tempo zu steigern, denn der Weg ist nicht steil. Ich will ja auch nur zum unteren Teil des Wasserfalls; der obere ist bestimmt auch schön, aber zeitlich halt nicht drin. Zu diesem Zeitpunkt denke ich noch, dass ich eine Wahl habe.

Zudem denke ich daran, dass ich gerade an der Kajakstelle war und die mit den Kajaks zum Fuß des Wasserfalls fahren, vielleicht ist es ja doch ein schneller, ebener Weg? Doch ich werde schnell enttäuscht. Wie alles auf dieser Insel geht es auf und ab. Doch in erster Linie auf.

Ich bin topfit und lege eine Schippe drauf; auf Google Maps sieht es nur aus wie 500m. Vielleicht schaffe ich das ja doch noch bis 17h? Dann eine Gabelung (man erinnere sich an die Aussage der Damen). Verflucht, welche Richtung soll ich nehmen. Ich vergleiche die ersten Zeichen der Schilder und stelle begeistert fest, die ersten beiden Zeichen des einen Schildes denen des Namens des Wasserfalls gleichen. Das muss reichen. Also weiter geht’s.

Ein erster Bachlauf ist zu queren (insgesamt werden es drei sein, die ich quere). Kein Problem, doch danach geht es steil bergauf. FlipFlops sind kein optimales Material, aber in San Diego sind mir die Dinger an die Fussohle gewachsen. Nichts, was man damit nicht machen könnte (OK, wenn etwas glitschiges, wie Matsch, zwischen Fuss und Flop kommt, dann ist es vorbei). Mittlerweile renne ich geradezu den Berg hoch. Es wird richtig urwaldlich und der Weg durch umgekippt Bäume und Pflanzen teilweise richtig zugewachsen. Ich nehme an, der Taifun hat auch hier seine Spuren hinterlassen. Noch immer habe ich keinen Empfang und beschließe daher den GPS-Tracker anzumachen. So habe ich für den Rückweg einen Faden dem ich folgen kann. Wenn es dunkel wird, dann dauert es halt ein wenig länger, aber raus komme ich hier.

Mit dieser Gewissheit kann ich mich auf den Weg und die vielen Baumstämme, Äste und sonstigen Stolperfallen konzentrieren. Mein Blick geht zwei, vielleicht drei Meter nach vorne während ich durch den Urwald laufe. Meine bisherigen Erfahrungen mit so dichten Wäldern sind ohnehin, dass es in erster Linie grün und braun ist. Vielmehr passiert da nicht. Alle Tiere sind Stunden vorher weg bevor man sich seinen Weg bahnt. So laufe ich und laufe ich.

Zwischendurch kommen steilere Passagen und sogar Kletterseile, so dass ich zuversichtlich bin auf einem Tourweg zu sein. Immer wieder hängen auch pinke Schleifen in den Ästen oder kleine Quader gucken pink aus dem Boden heraus. Es ist also schonmal kein Trampelpfad von irgendwelchen Tieren. Meine Deadline (17h) nähert sich jedoch erbarmungslos.

Dann geht es bergab, das heisst, dass es wahrscheinlich jetzt zum Fuß des Wasserfalls geht. Dann müsste ich ja bald da sein. Doch es ist nur ein weiterer Bach der durchquert werden muss. Er ist schon tiefer und ich bin froh, dass ich meine FlipFlops habe. Angespornt durch das frische kühlende Wasser und den Spaß beim Durchqueren des Baches, sprinte ich den logischerweise auf den Bachlauf folgenden Berg hoch. Luft holen kann ich auch noch, wenn ich da bin. Oder wenn es mal wieder ein Stück halbwegs eben ist.

Dann begegne ich, als ich mitten im Bergaufmodus bin und gerade ein paar Wurzeln eines Baumes als Treppenstufen benutze, einem japanischen Pärchen. Wie durch ein Wunder sprechen sie Englisch. Beide gucken recht verdutzt aus der Wäsche, aber auf meine Frage wie weit es noch ist, kommt nach kurzer Überlegung: „15 Minutes“. Was? Immernoch? Verdammt, das kann doch gar nicht sein?

Mein Zeitlimit ist mitterweile passé. Es ist 17h und ich laufe noch immer. Meine einzige Lebensversicherung: ich habe meinen GPS-Tracker und mein Handy eine Taschenlampe. Mein Akkupack ist ebenfalls voll geladen, ich finde hier auch im Dunkeln wieder raus.

Ein kurzer Dank an die beiden Wanderer und weiter geht’s. Mittlerweile im Laufschritt. Vielleicht wird das ja eine neue Disziplin für mich? Dschungellaufen. Macht durchaus Spaß!

Dann eine Gabelung. Verdammt, Mädels! Diesmal habe ich keine Ahnung. Auf dem einen Schild steht irgendwo die Zahl 15 dazwischen auf dem anderen die Zahl 2.5. Alles andere erkenne ich nicht.

Nach kurzer Überlegung beschließe ich, das 15 eigentlich nur Minuten sein kann und 2.5 eine Stundenangabe sein muss. 15 Minuten sollten in meinem Tempo nicht mehr als 10 Minuten sein. Das ist doch machbar. Doch bevor es losgeht wechsle ich die Schuhe. Es ist matschig (siehe obigen Kommentar zu FlipFlops) und es geht sehr steil bergab. Beides ist nicht gut mit meinem bisherigen Schuhwerk. Doch mit den neuen Schuhen läuft es!

Dann höre ich Wasser. Jawoll, das muss es sein. Ein steiler Abstieg und ich sehe einen größeren Bach nach links fließen. Also Augen nach rechts, da muss der Wasserfall sein. Doch eine große Enttäuschung macht sich breit. Da sind Steine und ein sicherlich interessanter Flußlauf. Ein Wasserfall ist hingegen weit und breit nicht zu sehen. Muss ich noch weiter? Stehe ich nur an einem weiteren Bach, der zu durchqueren ist? Die Zeit zum Sonnenuntergang rückt näher und ich muss ja noch zurück. War alles umsonst? Muss ich also wirklich morgen nochmal wiederkommen?

Dann überkommt es mich. Das Geräusch… Es ist immer noch deutlich zu hören. Muss ich vielleicht… nach links gucken? Bin ich vielleicht doch… nach oben zum Wasserfall gelaufen?

Tatsächlich. Ich bin oben!

Ich bin am Rande dieses Flusses, der sich da als höchster Wasserfall der Insel (tatsächlich wohl sogar Okinawas) 55 Meter in die Tiefe ergießt. Die Kante ist vielleicht 20 Meter weg von mir und hat auf der rechten Seite eine flache trockene Stelle. Wenn ich da hinkäme, dann könnte ich sogar den Wasserfall heruntergucken. Doch dazwischen liegt ein reißender Bach der danach 55 Meter in die Tiefe fällt. Wenn ich beim Versuch ihn zu queren unglücklich falle… nun ja, der Bach hat schon ordentlich Geschwindigkeit und Felsen können gerne mal sehr glitschig sein.

Es kostet mich Überwindung. Da runterzufallen dürfte mein sicherer Tod sein. Ich kann jedoch weder weiter flussaufwärts gehen, da wäre vielleicht eine flachere Stelle, noch flussabwärts (da wird es nur tiefer und die Absturzkante kommt näher – das Letzte was ich will). Ich beschließe nach einer Gedenkminute mal testweise einen Fuß auf einen Stein im Bach zu setzen.

Der Stein ist nicht rutschig und auch die Geschwindigkeit des Wassers ist auszuhalten. Dann der nächste Schritt. Alles sehr kontrolliert. Bereits ein Ast der von oben herunterrauscht, ein Stein der kippelt oder doch rutschig ist, könnte ausreichen, um das Ganze böse enden zu lassen. Doch es endet gut und ich komme sicher auf die andere Seite.

Ich gehe zur Kante vor und sehe in ein riesiges Tal bis zum Meer hinunter. Ich sehe die vorgelagerten Inseln, die Korallenriffe an denen sich die Wellen brechen und die hellblau schimmernden Flachwassergebiete zwischen Strand und Riff. Wahnsinn. Um mich herum steile Hänge und gegenüber ein weiterer Wasserfall, der sich aus den trotz der Steilheit dicht bewachsenen dunkelgrünen Hängen wie aus dem Nichts wieder in den Wald ergießt.

Wow. Ich bin sprachlos.

Pinaisāra-no-taki (ピナイサーラの滝)

Nun habe ich sicherlich keine Höhenangst, aber ich habe selten in meinem Leben an einer solchen Klippe gestanden. Um ehrlich zu sein, hab mich hingelegt und bin auf allen Vieren zur Kante gerobbt. Vielleicht übervorsichtig, aber: 55 Meter, keiner weiß, dass ich hier bin, kein Handyempfang und der Sonnenuntergang ist in weniger als einer Stunde. Da darf man schon vorsichtig sein.

Iriomote-Jima Waterfall – Pinaisala-no-taki /Pinaisāra-no-taki (ピナイサーラの滝)

Es ging alles gut und den Weg zurück bin ich nun wirklich gerannt. Ich kannte ihn ja auch schon. 🙂

Am Ende habe ich für das Unterfangen insgesamt weniger als eine Stunde gebraucht. Das ist anständig, da sonst eher 2-3 Stunden Wanderzeit veranschlagt werden.

Zufrieden fahre ich mit dem Fahrrad nach Hause. Den ersten Getränkeautomaten plündere ich beinahe und trinke die erste Flasche eisgekühltes Pocari Sweat beinahe in einem Zug aus. Eine zweite trinke ich gemütlich auf dem Weg.

Kaum zu Hause angekommen, muss ich mich erstmal hinhocken (Stühle gibt es in japanischen Gästezimmern nicht). Und während ich das alles nochmal im Kopf duchgehe, haut es mich fast von den Füßen. Ein ordentlicher Ruck erfasst mich, als ob Godzilla einmal gegen das Haus getreten hat.

Das muss dann wohl ein Erdbeben gewesen sein. Kurz gegoogelt und ja. Tatsächlich. Keine 100km von mir entfernt und 90km unter der Erde hat es mit 4.8 geerdbebt. Mutter Natur hat wohl großes mit mir vor. Erst der Taifun, dann ein Erdbeben. Fehlt nur noch, dass der (als aktiv bezeichnete) Mt. Fuji ein Lebenszeichen gibt, wenn ich ihm Hallo sage.

Am Abend gab es in einer lokalen Gaststätte lokale Spezialitäten. Zunächst Schwein, sehr zart und lecker. Dann einen rötlichen Fisch, und dann als Dessert einen „special cheese“ aus Okinawa.

Ich hatte bereits beim Schwein bedenken, wie ich das mit den Stäbchen zu mir nehmen sollte, doch es war so gekocht, dass es quasi vom Knochen fiel. Das konnte ich über den Fisch nicht sagen und so war es vermutlich eine meiner größten Prüfungen einen Fisch mir Stäbchen halbwegs zivilisiert von seinen Gräten zu trennen.

Zum Abschluss gab es dann noch Fischleber. Roh. Sehr salzig und fischig, aber eßbar. Dann jedoch gab es noch einen Würfel Käse mit roter alkoholisch geprägter Sauce (Brandy?) aus Okinawa, den sogenannten Tohoyu (oder Tofuyo).

Er wurde mir als Käse angeboten (das kann auch ein aber auch Lost in Translation gewesen sein). Tatsächlich handelt es sich wohl um einen speziellen typischen Tofu, den Shima-Dofu. Doch damit nicht genug. Um das gute Stück noch besonderer zu machen ist scharf fermentiert und mit einer leuchtend roten Sauce übergossen. Vielleicht ist er auch in dieser Sauce fermentiert. Mir ist das nicht ganz klar und meinem Magen geht es auch nicht besser, wenn ich da noch viel länger drüber nachdenke.

Auf einer Webseite wird (so konnte ich im Nachgang lesen) stark davon abgeraten den ganzen Block zu essen. Mir wurde allerdings ein ganzer Block serviert (hübsch angerichtet auf einem grünen Blatt) und so habe ich den aus reiner Höflichkeit auch gegessen.

Tofuyo-red.jpg
By 投稿者 – 投稿者撮影, GFDL, Link, Quelle: Wikipedia Japan.

Einen gewissen Unmut konnte ich meinem Gesicht aber nicht verkneifen. Das war schon sehr speziell und ich würde es nicht weiterempfehlen. Diese fermentierten Sachen sind einfach nicht meine Welt.

Und jetzt gute Nacht. Mal sehen was morgen los ist.

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3 Gedanken zu “Iriomote – Welcome to the jungle

  1. ddlv schreibt:

    ich bin begeistert von deinem Bericht und wäre sehr gern dabei, doch hättest du mich wohl irgendwann am Ufer eines Baches zurücklassen müssen. Denn selbst wenn ich auch unbedingt den Wasserfall hätte sehen wollen, dafür hätten meine Kräfte in der Zeit nicht ausgereicht.

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