Proteine machen nicht satt

Bericht zum 02.10.2016

Nachdem ich mich ordentlich ausgeschlafen habe – naja, also so gut das in einer Kapsel geht, verlasse ich Osaka ein wenig später als geplant. Irgendwie tat der Schlaf doch ganz gut und ich habe ja auch noch ein wenig Programm.

Es geht daher erst gegen 10h mit der U-Bahn zum Bahnhof. Dort fahre ich mit dem Limited Express (eine Art IC) nach Kanazawa.

Zum Frühstück ein Ekiben.

Eigentlich wollte ich dort bereits zwei Nächte sein, aber dann hat sich Osaka zu Recht dazwischen gedrängt. So ganz fallen lassen will ich den Stop aber nicht, denn was ich las klang eigentlich ganz gut.

Bereits der Bahnhof dieser knapp 500.000 Einwohner Stadt ist beeindruckend.

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Ich komme gegen 14h im Good Neighbors Hostel an. Mittlerweile weiß ich, dass Google Maps nicht zu trauen ist und finde meinen Weg daher problemlos.

Im Hostel läuft es endlich mal wie gewohnt. Ich kann zwar nicht einchecken, das geht erst ab 15h, aber ich kann mein Gepäck abstellen und mache mich dann auf Richtung Garten/Schloss.

Dazu nehme ich das Bike Sharing System Machi Nori (bedeutet so was ähnliches wie „in der Stadt fahrend“) in Anspruch. Es kostet pro Tag einmalig 200 Yen und wenn ich das Fahrrad binnen 30 Minuten wieder zu einer der Stationen zurückfahre, dann kommen auch keine weiteren Kosten dazu. Im Prinzip ähnlich wie die Bahnfahrräder in Hamburg, nur dass es in Hamburg noch nichteinmal eine anfängliche Tagespauschale gibt.

Die Stationen könnten ein wenig konvenienter gelegen sein, aber mit ein wenig Überlegung kann man seinen Trip dennoch gut planen. Rückblickend hätte ich vielleicht einmal mehr Geld in die Hand nehmen sollen, um nicht ein Fahrrad aus Lilliput zu bekommen.

Ob es solche Fahrräder gibt, ist allerdings fraglich. Selbst die kleinen unter den Japaner fahren mit einem viel zu niedrigen Sattel. Wahrscheinlich wissen sie es nicht besser. Da ist noch viel Nachholbedarf.

Das gilt übrigens auch für die Schlösser. Selbst richtig teure und gute Fahrräder werden mit Schlössern angeschlossen, die bei uns vor einer Oberschule schon ausgelacht würden. An einem U-Bahnhof in Hamburg würde sich der Dieb vermutlich auf dem Boden kugeln. Wenn man ihn dabei nur erwischen könnte,…

Da meine erste Abgabestation des Fahrrads nicht direkt an meinem ersten Ziel (dem Garten) ist, muss ich durch einen kleinen Park laufen. Dort findet eine Geisha-Wahl statt.

Acht Mädchen stellen sich kurz vor und am Ende gewinnt rechts außen das Spektakel. Ist fast wie in Meck-Pom.

Erneut (wie in Kyoto) sind viele kleine weiße Zelte aufgebaut. Es gibt mehr oder weniger professionelles Essen und ich gönne mir Hackfleischspieße mit Bacon umwickelt. Bei Fleisch mit Fleisch kann man nichts falsch machen.

Danach werde ich von einem Typen (ca. 20 Jahre alt) angequatscht. Ich stelle im Verlauf des Gesprächs fest, dass ich wohl auf einer studentischen/schulisch motivierten Veranstaltung gelandet bin.

Er will mich überzeugen doch bei ihm und seinen Jungs ein Getränk zu kaufen. Das sei mit 250 Yen spotbillig und es gäbe darüberhinaus vier verschiedene Geschmäcker. Das steht natürlich alles auch auf seinem Schild was er vor sich herträgt. Aber außer der 250 sagen mir die Zeichen nichts. Die Geschmäcker sind zudem schwierig einzuordnen, da ich gar nicht weiß, auf welcher Grundlage das Getränk ist.

Wie wir so im Verkaufsgespräch sind bekommt die Meute um uns herum mit, dass da einer einen an die Angel gezogen hat. Es beginnt eine Rudelbildung. Sehr verhalten allerdings, das ist überhaupt kein Vergleich mit Indonesien. Es ist eben ein japanisches Rudel.

Ein paar Mädels aus der Gruppe machen scheu ein Bild von mir und andere kichern. Die Jungs (ca. 10) die sich ganz lässig und cool unter den Stand gezwängt haben, können es nicht glauben, dass ich bei ihnen etwas kaufen werde (ich eigentlich auch nicht, denn ich hasse es angequatscht zu werden).

Ich frage meinen „Geschäftspartner“ nach seiner geschmacklichen Präferenz. Die ist eindeutig: Macha (und noch irgendwas). Also nehme ich das auch und bekomme ein hellgrünes milchiges Getränk mit vielen kleinen schwarzen semi-festen, glibbrigen Kugeln drin. Schmeckt eigentlich ganz gut. Den Sinn dieser schwarzen Kugeln habe ich noch nicht verstanden, aber auch sie sind erträglich. Ich bedanke mich und lobe das Getränk (was zur Freude bei den Jungs führt) und werde dann auch in Ruhe gelassen und kann gut gestärkt weierziehen.

Jetzt muss ich wirklich zum Garten. Es wird immer später und i.A. machen die Japaner um 16h-17h die Pforten dicht. Warum auch immer. Denn hell ist es auch danach noch.

Auf dem Weg komme ich am „Oktoberfest“ vorbei. Es ist wohl nur ein Bierfest, aber ich bin begeistert vom Namen eines Clubs.

Es ist schwülwarm in Kanazawa und jeder Schritt (eigentlich Atemzug) bedeutet einen Flüssigkeitsaustritt über die Haut. Der Garten/Park ist angenehm günstig. Nur 310 Yen. Allerdings ist er ziemlich voll. Schön anzusehen ist es trotzdem und mit blauem Himmel machen auch die Bilder etwas her.

Anschließend stelle ich eine kleine Völkerwanderung zum Schloß auf der anderen Straßenseite fest. Sollte das etwa noch aufhaben? Leider wohl ja. Also gucke ich mir das auch an.

Und wieder habe ich Glück. Innen ist zu, aber die Außenanlagen sind offen. Den Spaziergang über das Schlossareal gönne ich mir und erhalte ein paar ganz nette Einblicke.

Das Schloss ist weniger spannend, aber der kleine, feine Garten dahinter war die Reise wert.

Dann steht ein altes Geisha-Viertel im Norden auf dem Plan. Dort sollen einige Straßenzüge gut erhalten sein und das will ich dann doch mal sehen.

Die Geishas sind natürlich keine Prostitutierten. Nie und niemals nicht. Das waren in erster Linie Damen, die Geschäftsleute unterhalten haben.

Nicht allzuweit hergeholt erscheint mir, dass die Geschäftsleute in erster Linie männlich waren. Zudem haben sie für diese Dienste bezahlt. Diskretion war und ist bei den Geishas groß geschrieben. Auch waren Geishas offensichtlich nicht besonders arm. Und die Straßenzüge, durch die ich laufe, zeichnen sich auch dadurch aus, dass man durch Holzspaliere vor den Fenstern nur dann reingucken kann, wenn man direkt davor steht. Auch wieder sehr diskret, so dass aus der Ferne keiner etwas zu erkennen vermag. Auch von der Seite ist das nicht möglich. Nur direkt, wenn man davor steht, sieht man hinein.

Diese Beschreibung schließt jeglichen sexuellen Kontext ja eigentlich schon aus. Unerhört, dass man auf diese Gedanken kommen könnte.

Mit der Freizügigkeit sind sie mittlerweile schon weiter. Auf den Straßen von Osaka wimmelt es nur so von Frauen die scheinbar gelangweilt (aber ordentlichst in Schale geworfen) auf der Straße abhängen. Auch gibt es zahlreiche Clubs in die Männer gehen, um sich dann dort mit anwesenden Frauen zu umgeben. Das gibt es übrigens auch andersherum! All das ist selbstverständlich keine Prostitution.

Vielleicht muss man das wie beim Pachinko sehen. Dieses offensichtliche Glücksspiel, bei dem auf absurdeste, beinahe freche Weise vorgegaukelt würde es ginge nicht um Geld.

Es zeigt vielleicht die Hilflosigkeit der Gesellschaft eine Antwort auf derartige Bedürfnisse von Menschen zu finden. Ob die lizenzierte Legalisierung des Glücksspiels, wie in Deutschland, der bessere Weg ist sei dahin gestellt.

Die Bigotterie hat also, wie in so vielen anderen Ländern, auch hier ihren Platz gefunden. Sei es nun beim Pachinko, bei den Geishas oder in anderen Bereichen.

Das Viertel ist jedenfalls sehr nett anzusehen und es ist vermutlich kein Zufall, dass ein Haus in der Geisha-Straße ein Goldlagerhaus hat. Dieses Goldlagerhaus liegt im Hinterhof und ist mit Blattgold überzogen. Es schimmert fantastisch und ich konnte sogar den Versuchungen widerstehen es anzufassen.

In den alten Geisha-Häusern sind nun in erster Linie Schmuck- und edle Süßigkeitenläden drin. Da das alles sehr dezent ist, habe ich dagegen nichts einzuwenden.

Es wird bald dunkel und ich beschließe diesmal früher zu essen. Auch will ich mal einer Empfehlung aus dem LonelyPlanet eine Chance geben. Der schreibt von einer Stadt mit einem Überfluß an Seafood und japanischer Exzellenz der Küche. Einzig in den Empfehlungen des LP selber findet sich unter den neun aufgeführten Restaurants nicht ein japanisches, wenn man vom Celebrity Geheimtipp mit Preisen bis zu 8800 Yen und einem nicht günstigem Laden am Ende der Stadt absieht.

Stattdessen empfiehlt der Reiseführer von Pizza über nepalesisch eigentlich alles andere und vor allem westlich geprägtes. Zugegebenermaßen scheint das in Kanazawa eine Sache sein; überraschend viele Orte haben im Straßenbild einen westlichen Einfluss. Seltsam, darüber steht nichts im Reiseführer.

Ich versuche daher ein anderes Portal: TripAdvisor. Dort wird mir sehr überzeugend ein Lokal vorgeschlagen. Es sei reasonably bis cheap im Preis und very decent im Essen. Das klingt doch gut. Ich laufe hin und bin unsicher, ob es gefunden habe. Es ist weder von außen gut beleuchtet, noch findet sich ein Menü, eine Speisekarte oder ein sonstiges westliches Zeichen von einem Restaurant wieder. Durchaus typisch in Japan (siehe auch mein Bericht aus Iriomote). Da hilft nur Fragen. Nicht, dass ich noch im Puff lande. Oder, schlimmer, in einer japanischen Kanzlei!

Im großen Eingangsbereich werde ich vorstellig. Nach ein wenig Zeit kommt auch jemand vorbei, um mich zu begrüßen. Doch man bedauert. Leider ist alles ausgebucht und ohne Reservierung so nichts zu machen. Dieser Weg steht mir mangels Japanischkenntnissen nicht offen. Telefonate sind hier stets sehr anstrengend und selten zielführend. Es zahlt sich sehr aus die Sprache zu sprechen.

Ich werde zu einem Restaurant um die Ecke geschickt. Dort bekomme ich noch einen Platz an der Theke. Das finde ich gut, denn der Chefkoch bereitet so alles direkt vor meinen Augen zu. Dabei stellt sich auch heraus, dass dies das Restaurant ist, von dem TripAdvisor sprach (Fuwari). Karten und Japan. Ein schwieriges Kapitel.

Ich bestelle die Sashimi-Platte für 1500 Yen. Nicht wenig, aber soll sich ja lohnen wurde beschrieben. Es ist lecker und der Thunfisch zergeht auf der Zunge. Fantastisch. Doch satt bin ich davon nicht. Nachdem klar ist, dass da nichts mehr kommt bestelle ich noch den Oktopus. Die Zubereitung ist exquisit und macht Spaß beim Zusehen. Das Essen selber hingegen sättigt nicht.

Ich breche das Experiment daher ab und gehe mit einer Rechnung von knapp 3500 Yen aus dem Laden. Nächster Stop, ein 7-Eleven oder irgendetwas, wo es Kohlenhydrate gibt. Irgendwo muss die Energie halt doch herkommen.
Dieser Plan klappt ganz gut und ich beschließe bei der Gelegenheit gleich mein Ticket am Bahnhof zu kaufen. Es soll nämlich um 6:47h am nächsten Tag nach Toyama gehen. Und um diese Uhrzeit ist jede Minute Schlaf kritisch.

Um 20h bin ich zurück im Hostel und sitze später am Abend mit ein paar anderen Reisenden (Hong Kong, Taiwan, Irland und England) bei ein bis zwei Bier zusammen. Die Menschheitsprobleme haben wir nicht gelöst, aber ich musste ja auch schon um 0h gehen. Sonst wäre das mit dem Zug am nächsten Morgen haarig geworden.

Was ich eigentlich zu nachtschlafender Zeit in Toyama will? Ich will die Alpenroute machen. Eine Überquerung der japanischen Alpen (ja, die heißen wirklich so – die offizielle und sehr gute Webseite ist übrigens http://www.alpen-route.com).

Aber dazu mehr morgen. Gute Nacht!

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4 Gedanken zu “Proteine machen nicht satt

  1. dM schreibt:

    Sehr schöne Bilder aus den Parks. Vielleicht werde ich mir in nächster Zukunft doch nochmal „die Gärten der Welt“ in B- Marzahn anschauen. Es soll auch ein japanischer Garten dabei sein.

    Gefällt mir

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