Lost in Tokio

Bericht zum 04.10.2016 (Nachbericht)

Der Tag beginnt einigermaßen spät. Aus nachvollziehbaren Gründen (siehe den Bericht vom 3. Oktober) starten wir ein wenig undynamisch. Es kommt uns daher sehr zu passe, dass das Government Building direkt gegenüber von unserem Hotel liegt. Tatsächlich gucke ich nachts beim Schlafen (oder jedenfalls kurz davor) direkt auf das Gebäude. Es soll einen fantastischen Ausblick auf Tokio haben, der noch dazu gratis ist.

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Also ab aus dem Hotel auf die andere Straßenseite und rüber in die Schlange. Es dauert nicht lange und wir sind oben. Doch es ist eher enttäuschend. Der ganze Ort ist runtergekommen und der Ausblick ist nicht wirklich gut. Die Aussichtsplattform ist in die Jahre gekommen und bedarf dringend mal einer Generalüberholung. Dennoch für den Start des Tages ist das genau das richtige und ein super Anfang.2016-10-04-12-27-03
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Auch werde ich hier das einzige Bild des Mt. Fuji in seiner klassischen Form schießen. Das ahne ich noch nicht, aber es wird so sein. Daher hier, trotz weiter Entfernung, an prominenter Stelle. Tadaaa. Der Fujisan!

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Mt. Fuji am Horizont

Was? Er ist nicht zu erkennen? Dabei ist er doch in der Bildmitte! OK, ich zoome mal ein wenig, spiele mit Helligkeit und Kontrast und dann… besser? 🙂

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Mt. Fuji

Danach ging es nach Asakusa, einem Stadteil von Tokio, der eher das traditionelle Tokio darstellen soll. Also ein weniger lichterdurchfluteter Teil mit etwa ein- bis zweistöckigen Gebäuden. Dennnoch war der Tokio Sky Tree in unmittelbarer nähe und durch seine Größe beinahe ominpräsent.

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Da die Spätfolgen der zuvor gegangenen Nacht bekämpft werden wollten, gab es vor jeder weiteren Aktivität noch einen Ausflug in das nächstbeste Café. Anschließend ging es zum Senso-Ji, einem sehr bekannten Schrein, der sich in dieser Gegend befindet.

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Dort hat sich Daniel eine Weissagung erschüttelt. Für den Preis von 100 Yen (87 Cent) darf man einen zylindrischen Behälter in die Hand nehmen, in dem viele Holzstöcke drin sind. Der Behälter hat ein kleines Loch, durch das ein Holzsstock bei genügend langem Schütteln herauskommt. Jeder Stock (besser Stäbchen) ist beschriftet und so lässt sich dann eine von ca. 60 Schublädchen identifzieren. Bei uns war das ein stückweises Abgleichen der einzelnen Schriftzeichen, aber ich nehme an, man kann diese Zeichen auch lesen.

In der Schublade liegt dann ein Zettel mit der Prophezeiung und der Holzstab wandert durch das Loch zurück in den Behälter. Daniel hatte eine hervorragende Prophezeiung und so blieb es bei diesem einen Versuch. Gefällt einem das Orakel nicht, so bindet man den Zettel an ein dafür vorgesehenen Ständer oder einen nahegelegenen Strauch und probiert es – natürlich gegen eine weitere Bezahlung – erneut. Offenkundig sind so einige Leute nicht immer ganz zufrieden mit ihrem ersten Versuch(en).

In unmittelbarer Nähe des Schreins ist auch ein Markt, durch den sich Tausende von Menschen drängen. Damit und mit der reliiösen Hauptattraktion ist dieser Teil Tokios dann genauso überfüllt mit Touristen/Menschen wie die zentralen Stadtteile, die ich bisher wahrnahm.

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Sogar ein Freizeitpark mit FreeFallTower und Achterbahn sind in der unmittelbaren Nachbarschaft zu finden. Und wo Vergnügen ist, da gibt es auch Eis. Die Japaner lieben ihr Softeis. Und grünen Tee. Was liegt also näher ein Softeis mit grünem Teegeschmack anzubieten? Nichts, und das Macha-Eis ist daher ein häufig gesehener Gaumenschmaus, den Stefan und ich uns dann auch mal gegönnt haben. Durchaus genießbar, obgleich ich vermutlich anderen Sorten in der Zukunft den Vorzug geben werde.

Danach streunten wir durch die Gegend. Der unglaublich hohe Tokyo Sky Tree ist nicht sonderlich hübsch, verspricht allerdings eine tolle Aussicht auf Tokio. Die Fahrt auf die 450m hoch gelegene Aussichtsplattform kostet 3000 Yen (ca. 27 Euro) und das ist uns dann doch zuviel und wir beschließen stattdessen eine im LonelyPlanet angegebene WalkingTour durch Ueno/Yanaka zu machen.

Auf dem Weg kommen wir an einer Art Park vorbei. Die Sonne senkt sich bereits und einige Menschen genießen die Ruhe des Parks. Der Teich wird aus irgendwelchen Gründen mit einem Nebel benetzt und dann war es auch schon mit der Ruhe vorbei, denn Wasserspiele mit Fontänen setzten der spiegelglatten Oberfläche des Wassers ein jähes Ende.

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Die Sonne sinkt schnell weiter und so dämmert es bereits, als wir die angenehm optisch beeindruckenden Exponate von Anish Kapoor in der SCAI The Bathhouse Gallery in Augenschein nehmen können. Weiter geht es über einen Friedhof, dessen wohltuende Ruhe wir genießen.

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Am Ende der Tour geht es durch eine „20th century shopping street“ (was auch immer der LonelyPlanet damit meint) an der wir uns mit ein wenig maritimen Streetfood eine erste Stärkung verschaffen. Manches von dem was wir per Fingerzeig auswählen ist gut, anderes veschmähen wir nach einem Probebissen dann doch lieber.

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Es ist schon seltsam etwas zu essen, von dem man keine Ahnung hat was es ist. Allerdings habe ich bisher alles überlebt (offensichtlich…) und werde auch weiterhin probierfreudig bleiben.

Als es dunkel war schlägt Daniel vor eine Skybar zu besuchen und sich der tollen Aussicht in der Nähe des dem Eiffelturm nachempfundenen Tokyo Tower hinzugeben. Eine hervorragende Idee und so machen wir uns direkt auf den Weg.

Immer wieder stellt uns der Nahverkehr Tokios vor Herausforderungen. Doch wir verlaufen uns nicht beim U-Bahn fahren, sondern stattdessen (und nur kurzfristig) in einem kleinen Park kurz vor dem Ziel.2016-10-04-18-38-49-cut

Die Sky Lounge Stellar Garden ist beeindruckend. Der Tokio Tower steht direkt vor uns und beeindruckt unter anderem deswegen, weil er nicht wie der Eiffelturm auf einem eigenen Platz gebaut wurde, sondern mitten im dichtbebauten Tokio steht. Sogar eine Straße führt unter ihm hindurch.

Die Lounge selber ist schwarz, gekühlt und minimalistisch. Keine helle Lichtquelle lenkt den Blick ab von den zahlreichen noch immer erleuchteten Bürofenstern und den unzähligen roten Lampen, die die Kanten und Enden aller Hochhäuser verzieren. Damit entsteht ein Meer aus roten und weißen Punkten, dass durch seine Statik einen geradezu paradoxen Gegenpol zum quirligen (aber von hier aus unsichtbaren) Geschehen auf den Straßen bietet.

Unweigerlich kommen Parallelen zum Coppola-Film „Lost in Translation“ mit Bill Murray und Scarlett Johannson auf. Leider sind beide heute nicht hier und so genießen wir diesen beeindruckenden Ausblick andächtig.2016-10-04-19-15-16

Auf der Suche nach einem Drink, der hier um die 2000 Yen (18 Euro) kosten wird, beschließe ich den in Hamburg erfundenen Gin Basil Smash zu bestellen. Er ist zwar nicht auf der Karte, aber das muss ja nichts heißen.

Der Barkeeper kennt den Drink jedoch nicht, fragt seinen Kollegen, lässt sich den Namen dann von mir aufschreiben, recherchiert kurz mit seinem Smartphone und lässt mich dann wissen, dass er den Drink zwar nicht kennt (wenig überraschend zu diesem Zeitpunkt), aber er ihn für mich machen kann.

Ich gebe ihm diese Chance und muss sagen, dass das Basilikum deutlich mehr gecrushed werden müsste und auch in der Süße sollte man ein wenig nachjustieren. Dennoch, dafür dass er das zum ersten Mal gemacht hat, war der Drink genießbar. Davon abgesehen war es bei diesem Ausblick ohnehin schwierig nicht ins Schwärmen zu kommen.

Daniel sorgte gegen Ende unseres Aufenthalts für eine einigermaßen absurde Szene, als er auf einmal seinen kompletten Tascheninhalt und Kleinkram auf der Bar ausbreitete. Das kleine Chaos war in der leider erfolglosen Suche nach seiner Kreditkarte begründet. Er hatte sie wohl bei einem der letzten Einkäufe liegen gelassen. Doch da man als erfahrener Reisender stets mit zwei Kreditkarten unterwegs ist, war die Sache nach einem kurzen Anruf bei der Bank gelöst und nur noch eine Randnotiz.

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Um den Abend ausklingen zu lassen fuhren wir nach Roppongi ins HUB, einer britischen Bar, die zahlreiche Niederlassungen in Tokio hat und zumeist ein internationales Publikum anzieht. Dort treffen wir allerdings nur auf einen dubiosen Deutschen, der gerade beruflich aus den Phillipinen nach Japan gekommen ist. Seine Tipps zu den philippinischen Gepflogenheiten sagen viel über seinen Lebensstil aus und wir beschließen, nicht zuletzt, weil es in der Bar arschkalt ist, den Abend abzubrechen und uns dem Hotelzimmer zu widmen.

Zuhause angekommen müssen wir eine bittere Entscheidung fällen. Die Besteigung des Mt. Fuji war eigentlich für den übernächsten Morgen (5. Oktober) angesetzt. Der Plan war morgen Nachmittag zur fünften Station (Subaru Line) zu fahren, dort dann zu übernachten und am frühen Morgen aufzubrechen, um traditionell den Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu erleben.

Doch es kommt anders. Denn der Taifun #18, der bereits angekündigt wurde als ich Ishigaki verließ, war rechts (nach Nordosten) abgebogen und hatte mich nach Tokio verfolgt. Ich hatte ihn belächelt, ihn leichtfertigt abgetan und nun hatte er mich wieder eingeholt. Die Ausläufer würden genau in der Nacht unserer geplanten Besteigung auf Tokio und Umgebung treffen. In gut 3700m Höhe, am Gipfel des Mt. Fuji wurden Windgeschwindigkeiten von mehr als 110 km/h vorhergesagt und die Besteigung damit im wahrsten Sinne des Wortes abgeblasen. Mist.

Die Wettervorhersage lässt als einzige Möglichkeit die Besteigung tagsüber am Freitag (7. Oktober) zu. Es soll zwar bis zu -5 Grad kalt werden (im tropischen Taifun waren immerhin oben bis zu 10 Grad angekündigt), doch die vorhergesagten Windgeschwindigkeiten liegen nur bei 30 km/h und das ist machbar. Ich falle ja auch nicht von meinem Fahrrad, wenn ich mal wieder freihändig den Grindelberg in Hamburg hinabsause.

Daher haben wir morgen nun mehr Zeit und der Mt. Fuji muss erstmal warten. Gute Nacht!

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