Akihabara – Mangawahnsinn

Bericht zum 05.10.2016 (Nachbericht)

Man kommt zu nichts. Entweder ist es der Einfluss der Jungs oder einfach der Komfort des Hotelzimmers, der uns gemütlich werden lässt. Zumindest gibt dieses Bild des „Morgens“ vom 5. Oktober das wieder.

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Wie dem auch sei, nachdem alle halbwegs wach waren erfolgte eine kurze Beratschlagung was der heutige Tag hergeben soll. Verschiedenste Interessen waren zu sortieren und so wurde beschlossen ein/e/n Budokan zu besuchen. Dort sollte man mit ein wenig Glück verschiedene Kampfkünste von Judo über Karate zu Gesicht bekommen. Nicht unbedingt professionelle Kämpfe, aber bei unserem (meinem jedenfalls) Kenntnisstand würde vermutlich ein 10-jähriger Kämpfer ausreichen, um uns nachhaltig zu beeindrucken. Ich erhoffte mir insgeheim sogar vielleicht den ein oder anderen Wurf zu erkennen, den meine lange zurückliegende Judo-Karriere mir damals beigebracht hatte.

Doch je näher wir unserem Ziel kamen, umso jünger (so weit, so erwartet) wurde das Publikum. Und alle trugen sehr ähnliche Devotionalien mit sich herum. Als wir am Ziel waren, sahen wir eine große Schlange mit Jugendlichen und einige Absperrungen. Eine kurze Frage an einen Securitymenschen (zumindest hatte er eine Jacke an, auf der das stand) brachte jedoch nur ein Fragezeichen in sein Gesicht. Wir waren wohl am falschen Budokan.

Wer hätte auch ahnen können, dass es in Tokio mehr als einen Budokan gibt. (In Hamburger Asi-Slang würde man hier sagen: „Ahma, Digger.“). Dieser hier wird (auch?) genutzt, um Veranstaltungen/Konzerte/etc. durchzuführen. Da das musiktechnisch vermutlich nicht ganz unsere Kragenweite sein würde, verließen wir diesen Ort schnell wieder und begaben uns zum zweiten Punkt des Tagesplans: Dem Viertel Akihabara in Tokio.

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Akihabara ist nach dem Zweiten Weltkrieg als Schwarzmarktzentrum für elektronische Waren bekannt geworden. Daher rührt auch der Spitzname Elektrocity für diesen Stadtteil. Nachdem die Nachkriegsknappheit sich allerdings gelegt hatte, hat es sich in einen Ort für günstige Elektrowaren verwandelt und ist mittlerweile (ein) Zentrum der Manga-, J-Pop und sonstiger Geek-Kultur. Es ist zwischenzeitig auch mal wegen dubioser Angebote Minderjähriger (Reden, Kuscheln und, ja leider, Sex) in Verruf gekommen. Aber das war eigentlich nie so und ist jetzt erst recht nicht mehr so, behauptet zumindest der Artikel eines Japaners den ich dazu gelesen habe. Wollen wir das mal glauben.

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Wir werden zu Beginn unserer Erkundung von einem Geschäft begrüßt, dass durchaus europäische Ausmaße hat, also überschaubar ist. Was jedoch nicht europäisch ist (wenn man mal von den Aberchrombie&Fitch-Geschäften absieht, die die gesamte Front mit einem tollen Livebild der Huntington-Pier in Kalifornien, USA verzieren), ist das ein gigantischer Monitor nicht etwa die neueste Mode, sondern durchaus auch mal die aktuellen Baller- und Videospiele vorstellt. Es hat schon was in einem (über-)lebensgroßen Streetfighter zu stehen. Mein Foto zeigt hingegen eine etwas ruhigere Einblendung, die aber durch ihre Schlichtheit beeindruckt und sicherlich nicht so statisch war wie es hier erscheint.

Die Straßen sind Mal wieder gut gefüllt. Es fällt schwer zu glauben, dass die, wie wir, alle nur zum Sightseeing hier sind. Wir nehmen daher an, dass das was man hier kaufen kann auch Absatz findet.

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Elektronik gibt es tatsächlich im Überfluß. Unklar ist mir warum, denn amazon oder ein ähnlicher Ableger sollte es doch auch nach Japan geschafft haben? Egal, in Deutschland gibt es ja auch noch MediaMarkt und Saturn.

Immer wieder sehen wir aufreizend oder als Hausmädchen (ja, für mich sind das zwei paar Schuhe) gekleidete Frauen, die den japanischen Männern ihre Flyer aufdrängen. Die sogenannten Maid-Cafés habe ich noch nicht verstanden. Mein Bedarf hält sich aber auch in Grenzen und da die Sprachbarriere eine große Hürde darstellt, bin ich nicht sonderlich traurig, dass ich diese Erfahrung nicht mache.

Ein dritter, dominanter Teil des Angebots dieses Viertels besteht in Manga(comics). Wir beschließen, ein Kaufhaus, das Mangas über 7(!) Stockwerke anbietet zu besuchen. Zunächst streunen wir im Erdgeschoss umher und dann treibt uns die Neugierde in die oberen drei Stockwerke. Die sind Kunden über 18 vorbehalten. Doch was uns da erwartet ist, neben der offensichtlich immensen (und teilweise der Anatomie ein Schnippchen schlagenden)  Fantasie der Mangazeichner, erschreckend.

Große Brüste, riesige Schwänze und häufig devote Stellungen waren im Rahmen dessen, was wir alle erwartet haben. Was uns jedoch zunächst unfassbar, dann sprachlos, fassungslos und dann einfach nur noch anwidert ist das Ausmaß des Anteils der Mangas, die offensichtlich minderjährige Mädchen darstellen. Und wenn ich Mädchen schreiben, dann war das nur der erste Eindruck.

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Je mehr wir in diesem Laden umhergingen, der übrigens nicht schlecht besucht war, umso mehr fielen uns Hefte (preislich zwischen 4 Euro und 10 Euro) auf, die nicht nur Mädchen, sonder auch eindeutig Kinder darstellten. Sowohl was die Größenunterschiede (Körpergröße) der am Geschlechtsakt beteiligten Personen angeht, als auch was die anatomische Gestaltung der Kinderkörper angeht. Dabei waren die Männer in den Heften immer deutlich als Erwachsene zu erkennen, während den Kinder teilweise sogar der Babyspeck angezeichnet wurde.

Wenn so etwas als sexy gilt, dann muss ich brechen. Das war wirklich ekelhaft und lediglich die Faszination, dass wir hier etwas sahen, was wir nicht für möglich hielten und was zudem völlig unerwartet kam, ließ uns weiter in diesem Geschäft verharren. In der Hoffnung, dass wir nun gerade die schlimmste Etage ausgesucht hatten, begaben wir uns weiter nach unten. Doch solange wir im Erwachsenenbereich waren, blieben die beschriebenen Comics Bestandteil der Auslage.

Angewidert beschlossen wir nun in den jugendfreien Bereich zu gehen. Dort waren zumindest die Comics mit eindeutig kindlichen Personen und Minderjährigen verschwunden. Die Stellungen, Posen und aufreizenden Bekleidungen waren jedoch weiterhin in dem Bereich, der in Deutschland ein klares Ü18 kassiert hätte.

Daher schenkten wir uns die restlichen Etagen und verließen verstört diesen Laden. Bereits im Laden konnten wir unseren Unmut untereinander vortragen und so blieb mit dem Verlassen dieses Ladens nur noch Fassungslosigkeit zurück.

Um dem Entgegenzuwirken, und um dem Viertel noch eine zweite Chance zu geben, beschlossen wir in einen Videospielladen zu gehen. Dort gab es so einige Videospiele, die ich noch nie vorher gesehen hatte und auch Daniel brauchte nach dem Schock von gerade ein wenig Abwechselung.

So bestiegen wir ein Zombie-3D-Spiel. Und das war krass. Wir müssen geschrien haben wie eine Horde Mädchen beim TakeThat-Konzert, denn Stefan musste sich vor dem Ding mehrfach bei den erschrocken aufblickenden heimischen Kunden für uns entschuldigen und darauf hinweisen, dass wir das eben nicht kennen würden. Ich kann nur sagen, dass ich in diesem Ding locker zwei Jahre Lebenszeit verloren habe, unsere Schreie mehr als legitim empfand und mein Puls noch eine halbe Stunde später deutlich erhöht war. Denn nicht genug, dass die Bank auf der man saß geruckelt hat (ForceFeedback), 3D-Brillen und schnelle Kameraschwenks im Spiel für maximales Adrenalin sorgten, nein, um uns herum waren Luftkammern, die uns im entscheidenden Moment Luft von links, rechts, hinten oder vorne ins Gesicht bließen. Krass. Ich war fertig danach und hätte gut eine Pause gebrauchen können.

Wir probierten aber noch das ein oder andere Spiel aus, waren jedoch meist mit der ausschließlich japanischen Benutzerführung überfordert. Verständlich, wie ich finde. Außerdem musste mein Herz immer noch doppelt so viel Schläge wie sonst absolvieren.

Purikura schien also eine geeignete Maßnahme, um zur Ruhe zu kommen. Purikura sind Fotos, die man als Gruppe macht und vor dem Drucken mit Stickern und anderem Firlefanz verschönern kann. Manchmal werden sogar Kostüme zur Verfügung gestellt. Doch bevor das passieren konnte, stellte Stefan fest, dass er nicht mehr Besitzer seines Portemonnaies war.

Mist. Was nun? Zurück zu der Etage wo er als letztes auf irgendwelchen Drums zu irgendeinem J-Pop Schlager in der akustischen Hölle getrommelt hatte. Dort könnte es noch liegen. Doch vergeblich. Es war nicht da. Eine frenetische Suche begann. Irgendwann äußerte Stefan den Verdacht, es könnte gestohlen worden sein. Doch das widersprach allem, was ich bisher in Japan erlebt hatte. Also widersprach ich und stattdessen ging Daniel runter zum Eingang, um nachzufragen, ob nicht etwas abgegeben wurde.

Wir suchten oben weiter. Über und unter allen Automaten, in den umliegenden Mülleimern, einfach überall. Nichts. Doch wo war Daniel eigentlich? Er kam nicht zurück, so dass wir die Suche abbrachen und uns ebenfalls nach unten begaben. Dort war Daniel noch immer mit Händen und Füßen mit den Mitarbeitern im Gespräch. Als die verstanden, dass Stefan der Unglücksvogel war, baten sie ihn um seinen Namen, Geburtsdatum, den genauen Ort des Verlustes und die Zeit.

Wir hatten das als nette Geste aufgefasst, so nach dem Motto: „Jaja, wir kümmern uns“, und das Portemonnaie gedanklich bereits verloren gegeben. Doch wir sollten eines besseren belehrt werden. Nachdem die Daten abgeglichen waren, wurde ihm ohne Verzug sein Portemonnaie ausgehändigt. Am Portemonnaie befestigt war mit einem Gummiband ein weißer Zettel. Auf diesem waren alle seine Daten und auch der genaue Bargeldbestand notiert, etwas über 100 Euro. Er wurde explizit gebeten diesen Betrag zu kontrollieren. Erst dann waren die netten Helfer zufrieden und ließen uns gehen. Wir bedankten uns und sind bis heute schwer beeindruckt von der Handhabung dieser Situation:

Denn nicht nur wurde das Portemonnaie wiedergefunden, es wurde auch mit Bargeld wiedergefunden. Darüberhinaus wurde sichergestellt, dass auch alles Bargeld darin blieb. Noch besser, es wurde sichergestellt, dass erst nach Nennung der korrekten Personalien das Portemonnaie ausgehändigt wurde. Chapeau! In Deutschland hätte vermutlich die Nennung der richtigen Farbe des Portemonnaies zur Aushändigung geführt. So konnte Stefan mit einem blauen Auge davon kommen und wir um eine sehr positive Erfahrung reicher diesen nun ambivalenten Bezirk verlassen.

Glück gehabt? In Deutschland ja, hier ist das vermutlich normal. In Japan kommt einfach nichts weg. Toll!

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Bei einem Besuch in Akihabara kommt man nicht an der Musikgruppierumg AKB48 vorbei. Der Name ist schlicht eine Abkürzung des Stadteils Akihabara, in dem die Gruppe ihr eigenes Theater hat, und der Anzahl der ursprünglich geplanten Mitglieder dieser Retortentruppe. Diese „Musikgruppe“ besteht mittlerweile allerdings aus ca. 120 Mitgliedern, die sich abwechseln und so in der Lage sind jeden Tag eine Show in ihrem eigenen Theater zu spielen. Die eigentliche Band rekrutiert sich also aus den vielen Mitgliedern. Einzelne Auftritte werden hingegen nur von 16-24 Mitgliedern bestritten. Da sich alle uniform kleiden ist es schwierig als Außenseiter auch nur irgendeinen Unterschied zu erkennen. Für uns sah das ein wenig aus wie Karneval in Tokio. Lauter Funkemariechen. 🙂

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Am Abend beschlossen wir dem WOMB eine zweite Chance zu geben. Immerhin war es nun… Mittwoch. 🙂 Doch nach dem Einlass stellten wir fest, dass es hier nicht viel zu holen gab. Es war ziemlich leer.

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Es war dennoch faszinierend mitanzusehen, wie weit gediehen die Ehrlichkeit in Japan ist. So wird hier durchaus in einem Club das Handy auf einem Tisch alleine liegen gelassen, um dann zur Bar zu gehen und etwas zu trinken zu kaufen. Anschließend kommt man wieder und das Handy liegt noch da. Auch zum Tanzen gehen wird das Handy gerne mal verwaist zurückgelassen. Bei der Rückkehr ist es jedoch noch immer am selben Platz. Faszinierend. In Deutschland würde ich dem Telefon 20 Sekunden geben, dann wäre es weg. Doch solche Beobachtungen waren nicht unser Hauptziel für die Nacht. Wir verließen daher das WOMB und wechselten zu (und) bekannteren Orten.

In den Atom-Club. Da war diesmal eine ordentliche Schlange. Doch wir kamen zügig rein und kamen auch schnell (diesmal auf spanisch… warum auch immer) mit Japanern in Kontakt. Der von uns vom Montag bezahlte und auch für heute angenommene Eintritt von 1000 Yen (9 Euro) war schlagartig auf 3500 Yen (32 Euro) gestiegen. Aber das Tokio günstig werden würde hätte ja auch niemand behauptet und so schmissen wir uns in das wüste Getümmel des Clubs.

Wir haben es nicht bereut und sind erst im Morgengrauen wieder in unser vertrautes Hotel zurückgekommen.

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