Onsen in Tokio und und Unsinn im Golden Gai

Bericht zum 08.10.2016 (Nachbericht)

Wie geschrieben, habe ich nach der Mt Fuji Besteigung eine weitere Kapselnacht hinter mir. Das Schlafen an sich finde ich unproblematisch. Gut, in meinem Zustand hätte ich vermutlich auch im Stehen an eine Kühlschranktür gelehnt geschlafen, aber das ist eine andere Geschichte. Nervig ist bei den Kapselhotels, dass man sich nicht ausmehren kann. Alles bleibt im Locker und am nächsten Morgen muss man komplett auschecken. Wenn man, wie ich nach dieser Bergtour, ein paar noch feuchte Sachen hat, dann kann das schnell unangenehm werden. Daher habe ich mir auch direkt am Abend noch eine andere Unterkunft für die letzten zwei Nächte gesucht.

Doch nun erstmal zum Wellness-Bereich. Ein Onsen (ein traditionelles Bad) hatte mir in meiner Liste ohnehin noch gefehlt und so kam mir diese Verquickung sehr gelegen. Das Unterfangen Onsen an sich ist mit vielen Fallstricken gespickt. Ich hatte zuvor einiges gelesen und das hat mich hoffentlich vor allzuvielen Faux-Pas bewahrt.

Eigentlich hatte ich den Wellnessbesuch für den Abend nach dem Mt. Fuji geplant, aber ich war schlicht zu fertig. Einmal in der Waagerechten bin ich nicht mehr hochgekommen. Dafür bin ich dann am nächsten Morgen um 8:30h aufgestanden und habe mich in meine, von der Unterkunft zur Verfügung gestellte, Kluft begeben. Eine kurze Hose und ein offenes Hemd. Wenigstens war das Hemd vorne offen, so dass ich micht nicht ganz wie im Krankenhaus fühlte. Farblich sag ich irgendwie anders, als die anderen Gäste,  aber das war egal, denn keine 10m später musste man das komplette Gezeugs eh ablegen.

Ab dann ging es nackt weiter.  (Also auch keine Fotos.) Jedenfall die nächsten paar Meter. Dann gibt es einen kleinen Waschlappen. Der baumelt dann für die restliche Zeit, möglichst deckungsgleich und nur außerhalb des Wassers, vor dem eigenen Gemächt. Zumindest bei den meisten Herren und dementsprechend auch bei mir.

Bevor man sich aber in den knietiefen, heißen, aber dennoch angenehm temperierten Pool begeben darf, wird sich gewaschen. Das geschieht im Sitzen auf einem kleinen Plastikhocker. Shampoo, Bodywash, Rasiergel, Zahnbürsten, all das wird bereitgestellt. Und so sitzen dann 30 Männer nebeneinander auf winzigen Plastikstühlen mit dem Rücken zum in der Mitte befindlichen Pool. Es ist ein wenig, als ob die Herrenumkleide im Schwimmbad renoviert wird und nun alle in der Kita duschen müssen.

Man guckt sich dann so ein wenig ab, was man machen muss und handhabt es ebenso. Natürlich ist stieren nicht so gut, aber mit einer gründlichen Reinigung ist man auf jeden Fall gut beraten. Der Pool selber ist mit irgendeinem Heilwasser befüllt und die Zusammensetzung wird auf einer Tafel angegeben.

Wichtig ist, dass der Lappen, mit dem man sich gerade gewaschen hat, das Poolwasser nicht berührt. Zwar hat das hat ein Silberrücken in der Gruppe anders gemacht und ist dafür nicht gleich rausgeflogen, aber da es sonst alle tunlichst vermieden haben, nehme ich an, dass das schon Usus ist. Üblich ist, dass man sich den Lappen stumpf auf den Kopf legt. Sieht lustig aus und sorgt nebenbei für eine akkurate Haltung beim Bad, denn der Lumpen darf ja nicht ins Wasser fallen.

So sitzen nun alle mit einem geraden Rücken schweigend im Pool. Es wäre also ruhig, doch anstelle der Stimmen plärrt der Fernseher. Das gilt übrigens für alle Bereiche. Das Außenbecken, die drei verschiedenen Saunen und den Entspannungsraum.

Es gab sogar einen Außenbereich mit Bad und Whirlpool. Und das mitten in Tokio!

Der Relaxraum hingegen (die Namensgebung war, zumindest in der Schrift die ich lesen kann, nicht so ganz eindeutig) war eigentlich ein Schlafsaal. Da liegen dann 40 Männer nebeneinander, auf Liegen, nackt, nur mit einem Handtuch bedeckt und schnorcheln vor sich hin. Morgens. Ist ja nicht so, dass man gerade aufgestanden wäre, um das zu beenden. Aber warum nicht. Ich habe morgens auch manchmal das Gefühl ich könnte jetzt hervorragend nochmal einschlafen.

Da ich aber um 10 Uhr ausgecheckt haben muss, bleibt für solche Sentimentalitäten keine Zeit. Ich muss immerhin noch einiges Umräumen, halbwegs frische Sachen rauslegen und dann alles so verpacken, dass möglichst wenig Schmutzwäsche mit der noch halbwegs sauberen Wäsche im Rucksack kollidiert. Gegen Ende meiner Reise nimmt der Schmutzwäscheanteil erschreckend schnell zu. Als ob die T-Shirts ahnen würden, dass es bald den Weg in eine Waschmaschine gibt.

Einen eigenen Comicraum mit Mangas (ja, auch mit semi-schlüpfigen) gab es auch im Wellness-Bereich. Nachdem ich mich, abgesehen von der dubiosen Happy End-Massage, durch alle Teile gearbeitet hatte kam ich wieder in den Hauptpool. Dort habe ich meine vom Abstieg geschundenen Beine nochmal gut erholen lassen, bevor ich den Wellnessbereich den Rücken kehren musste. Und dann habe ich mich doch den nicht niedergeschriebenen, aber wohl dennoch existenten Regeln widersetzt. Ich habe mich am Ende nochmal abgeduscht und bin dann wieder zu meinem Locker, um mir halbwegs frische Sachen herauszusuchen. Das war natürlich ein Fehler. Denn dem Wasser wird heilende Wirkung nachgesagt und es als gut empfunden, wenn das auf der Haut bleibt. Ich werde mir das für nächstes Mal merken. Es hat aber auch so gut getan und ich würde nicht von einer Horde nackter Japaner aus dem Bad getrieben.

Das Umpacker verlief einigermaßen gut, so wie das eben auf dem Boden einer Massenumkleide gut funktionieren kann. Glücklicherweise bin ich einigermaßen groß gewachsen und kann daher auch Ablageflächen nutzen, die dem gemeinen (aber durchaus netten) Japaner nicht zur Verfügung stehen.

Der Checkout verläuft unkompliziert, doch sobald ich draußen bin, bis auf den Wellnessbereich (insbesondere das Außenbecken) gibt es kein draußen im Capsule Hotel, bemerke ich, dass es in Strömen regnet. So macht mein ursprünglicher Plan keinen Sinn.

Eigentlich wollte ich noch nach Chiba, ein wenig surfen, doch das ist gut zwei Stunden und 160 Euro weit von Tokio entfernt. Bei Regen macht das nicht wirklich viel Sinn und da der Wetterbericht keine Verbesserung für den Tagesverlauf ankündigt, fällt dieser Plan ins Wasser.

Stattdessen gibt es nun ein langes Frühstück in einem Café. Nach einige Zeit hört der Regen dann endlich auf und ich kann raus. Der Tagesausflug ist mindestens verschoben, doch auch die Wettervorhersage für morgen ist nicht gut. Wahrscheinlich wird da also nichts draus.

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Alternativ begebe ich mich nun zum Shibuya-Crossing. Einer Kreuzung, wo mit einem Mal tausende Menschen die Seiten wechseln.

Auf dem Weg dahin entdecke ich auf einem Bahnsteig eine lange Schlange vor einem seltsamen Laden.

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Eine Suppe mit Nudeln soll es hier für 263 Yen (2.50 Euro) geben. Das wäre wirklich ein Minusrekord. Da ich eh nichts zu tun habe, stelle ich mich hinten an und warte ein paar Minuten.

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Und tatsächlich. Die Suppe ist lecker und kostet wirklich nur 263 Yen. Tolle Sache. So gestärkt mache ich mich nun auf zur berühmten Kreuzung.

Netterweise werde ich begrüßt von einer Aufreihung bezaubernder junger Damen. Warum und wieso weiß ich nicht. Doch es zieht einige Leute und vielleicht geht es wirklich nur um Stifte, wie die Werbung im Hintergrund suggerieren könnte.

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Vielleicht geht es aber auch um etwas anderes. Halloween steht ja auch noch an, doch zum Fürchten ist dieser Auflauf wahrlich nicht.

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Da sieht es mit den Massen schon anders aus. Einmal losgelassen strömen die Fußgänger über die Straßen.

Es ist nicht ungewöhnlich in Japan, dass alle Richtungen gleichzeitig grün werden (natürlich nur für Fußgänger), führt aber im Gegenzu auch zu relativ langen Wartezeiten. Da die Ampeln aber sehr häufig mit Indikatoren ausgestattet sind wielange es noch grün oder rot sein wird, lässt sich die Warterei ertragen oder einplanen.

Der Anblick ist ganz nett. Mittlerweile(?) sind vermutlich die Hälfte derjenigen, die den Überweg benutzten nur da, um den anderen beim Überqueren zuzugucken. So wie ich. Das Verkehrsaufkommen könnte also durchaus gesenkt werden, wenn nicht so viele Leute andere Leute bei dem Beobachten würden, was sie selber gerade tun.

Danach mache ich mich auf nach Roppongi Hills. Einem Stadteil, der seinen Namen von den Beverly Hills bezieht, doch ansonsten wenig Gemeinsamkeiten aufweist. Es ist (mal wieder) ein Shopping Center.  Oben gibt es noch ein wenig günstiges Museum, das Mori Arts Center.

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Bereits von unten hat man eine tolle Aussicht auf Tokio. Doch, wie sollte es anders sein, es gibt natürlich die (angeblich) beste Aussicht auf Tokio vom höchsten offenen Aussichtspunkt Tokios. Leider ist der heute geschlossen. Wegen Regens. Dass sich mittlerweile kein Lüftchen mehr rührt und sogar der Himmel blau durchscheint ist irrelevant. Dass Japaner manchmal aus Zucker sind, werde ich in den 40 Besonderheiten noch thematisieren. 🙂

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Dank eines offenen Auges entdecke ich eine gratis Ausstellung, die mir auch so Zutritt zum 52. Stockwerk verschafft. Dort habe ich einen tollen Ausblick (wenn das Wetter nicht wäre) auf Tokios Skyline.

Doch zunächst entdecke ich ein tolles T-Shirt, was ich gestern gebraucht hätte:

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Doch das ist jetzt zu spät. Daher heißt es den Ausblick genießen. Abgesehen davon wäre es viel zu kalt gewesen, um diesen Effekt wirklich zur Geltung bringen zu können.

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Trotz des Wetters zeigt sich Tokio einigermaßen vorzeigbar. Man erkennt im Hintergrund sogar die Bucht von Tokio, die einem sonst gar nicht auffällt, wenn man durch diese Riesenstadt mit den starren Wolkenkratzern wirrt.

Als sich die Sonne dann endlich den Weg unter den Wolken hindurch gebahnt hat, wirken selbst die Wolkenkratzer viel lebendiger. Sie können aber dennoch nicht über die kaum zu durchquerende Glocke aus Smog hinwegtäuschen.

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Auch der Tokio Tower erstrahlt im goldenen Licht.

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Nachdem die Sonne sich also doch noch hatte blicken lassen, die Aussichtsplattform war noch immer wegen Regen gesperrt, wurde es dunkel und ich musste meine neue Unterkunft beziehen. Und mein Gepäck musste ich auch noch abholen. Dabei stellte ich fest, dass ich den Job an der Gepäckausgabe nicht so ohne weiteres erledigen könnte. Doch zum Glück gab es ja im Hotel kompetentes Personal.

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Auf dem Weg zur U-Bahn verlief ich mich einmal kurz in einer dunklen Gasse und schon stand ich vor dem EX, einer bekannten deutschen Bar mitten in Tokio. Da kann man natürlich nicht vorbeilaufen, ohne ein leckeres Bier zu trinken.

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Also schnell hinein und prompt saß ich an einer halbrunden Bar mit zwei Engländern, einem Schotten und einem Amerikaner und hatte ein frisch gezapftes Bitburger in der Hand.

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Überraschenderweise schmeckte das sogar ganz gut! So blieb ich noch auf zwei weitere und musste mich dann so langsam von der illustren Runde verabschieden. Auf ein Bier wurde ich freundlicherweise von den Angelsachsen eingeladen, die anderen beiden Biere schröpften mein Reisebudget mit immerhin 1800 Yen (etwa 8 Euro pro Bier). Aber da sogar Oliver Kahn schon hier war… man muss ja seine Landsleute unterstützen. 🙂

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Meine neue Unterkunft erreichte ich nach einem weiteren Kampf mit der Wegbeschreibung. Ich werde nicht verstehen, warum man sechsmal nachfragen muss, bevor man eine vernünftige Adresse bekommt. Auch werde ich vermutlich nicht mehr verstehen, warum man nicht einfach GPS-Daten angibt. Es könnte alles so einfach sein. Aber das wäre wohl zu einfach.

So musste ich mich an dubiosen Schilder und netten Menschen vorbei in den neunten Stock eines durchaus unauffälligen Hauses durchfragen. Dort angekommen war jedoch alles in Ordnung. Es war sauber und ruhig. Mein Zimmer hatte zwar kein Fenster (gnaaa), aber eine halbwegs betriebsbereite Klimaanlage. Ich bin ja eh nur zum Schlafen hier.

Also kurz geduscht und dann raus nach Golden Gai. Das ist ein Weggehstadtteil, der sich nicht gerade um Touristen reisst. Er ist gekennzeichnet durch 4-5 sehr kleine und enge Straßen mit noch kleineren und noch engeren Bars. Meist passen dort nur 5 Personen rein. Man muss also gut überlegen, mit wem man los geht. Ich war daher locker mit einem netten Engländer verabredet, den wir an einem der vorherigen Abenden abends getroffen hatten.

Zuvor ging ich noch auf ein Bier in das ebenfalls in der Nähe befindliche HUB, eine englische Bar, die viele Niederlassungen in Tokio hat. Kaum dort angekommen wurde ich aufgefordert gegen einen durchaus muskulösen Japaner ein Armdrücken zu absolvieren. Ich wollte zwar ablehnen, aber das war keine Option. Zumal auch hier die Sprachkenntnisse zwar zum Auffordern gereicht hatten, an eine Kommunikation aber nicht zu denken war. Ein Ablehnen wäre also höchst unfreundlich gewesen. Zudem hatte sich schnell eine Traube gebildet und die, die nicht direkt herangerückt waren, schielten doch ob des Tumults immer mal wieder hinüber. Damit war klar, gewinnen lassen wäre auch unfreundlich. Die einzige Option war ein ehrlicher Kampf mit einem Sieger. Den gab es auch und ich hatte nur ein klitzekleines schlechtes Gewissen. Nach seiner Niederlage stießen wir aber noch ein paar mal an, doch mein mangelndes Japanisch verhinderte jedwede Unterhaltung. Schade eigentlich. Ich glaube aber, dass wir alle gut unterhalten waren. Die etwa 8-köpfige Truppe verabschiedete sich dann auch mit dem legendären Spruch „Tomorrow never knows“, was heißen sollte, dass sie morgen noch arbeiten müssten. So weit sind wir gekommen.

Just als diese Gruppe mich alleine ließ entdeckte ich, dem Trubel langsam entkommend, zwei bekannte Gesichter: Zwei Amerikaner, die wir am Abend vorher in einer völlig anderen Ecke Tokios aufgegabelt hatten, waren hier. Tokios ist eben doch ein Dorf.

Da der Engländer zunächst verschollen blieb, zogen wir zu dritt weiter in Richtung Golden Gai. Doch bevor wir ankamen versperrte uns eine heruntergekommene, aber gut besuchte Karaokebar den Weg. Dort gab es Bier und die dreckigste Toilette Japans. Keine gute Kombination, denn das eine bedingt das andere.

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Daher nahm ich erneut Kontakt zum Engländer auf. Der war direkt um die Ecke, aber nicht in der Lage sich zu orientieren. Doch mit vereinten Kräften machten wir ihn ausfindig. Er saß alleine mit zwei Japanern in einer dieser winzigen Bars. Da die beiden Amis irgendwann offensichtlich genug zu sich genommen hatten, blieben nur noch der Engländer und meine Wenigkeit übrig.

Wir verbrachten daher stadtteilgerecht den Abend in der kleinsten Bar (mit der kleinsten – aber sauberen – Toilette) mit tiefgründigen Gesprächen. Die anwesenden drei Japaner waren einfach nur voll und deswegen/trotzdem nicht in der Lage zur Kommunikation. Lustig war es trotzdem und als es so langsam hell wurde, beschlossen auch wir, diesen netten Bezirk zu verlassen. So war es ein feucht fröhlicher Abend und ich kann sagen, dass ich einen weiteren Teil des Nachtlebens Tokios kennengelernt habe.

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Der Unterschied ist wie Tag und Nacht und doch liegen nur wenige Stunden dazwischen.

 

 

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