Am höchsten Punkt Spaniens! Teil 1

Wie es dazu kam

Die weiße Weihnacht würde in diesem Jahr ausfallen. Soviel war sicher. Da mit Schnee also nicht zu rechnen war, schlug ich der Familie vor sich Ende Dezember in den Süden zu verholen. Dort sei gutes Wetter, man könne am Strand lungern und vielleicht sogar den ein oder anderen Klecks Farbe im Gesicht zurück in die Wintertristesse der norddeutschen Tiefebene bringen.

Gesagt getan. Nach kurzer Planung war das Ziel ausgesucht. Teneriffa! Vor der Küste Afrikas, als eine der Kanarischen Inseln, sollten uns dort etwa 21° und Sonnenschein erwarten. So zumindest die Wettervorhersage.

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Der Strand Las Teresitas im Norden der Insel. Er wurde mit Saharasand aufgeschüttet und ist deswegen inseluntypisch nicht schwarz.

Nach einer kurzen geographischen Einordnung des Reiseziels stellte ich entzückt fest, dass es einen Vulkan auf der Insel gibt: den mit 3718m höchsten Berg Spaniens, El Teide. Er ist auch unter den 50 höchsten Bergen Afrikas. Wenn man nach der Schartenhöhe (Prominence) geht, dann ist er, da er sich aufgrund der Insellage quasi innerhalb von wenigen Kilometern aus dem Meeresboden erhebt, sogar auf Platz 7. Und nach irgendeinem Maß ist er bestimmt auch auf Platz 1.
Wer sich zurückerinnert, der bemerkt sicherlich, dass ich bereits ein paar Monate zuvor einen Vulkan bestiegen hatte. Der mit 3776m ebensohohe und ehrwürdige Mt. Fuji.

Am Fuji hatte ich gefühlt noch einige Kapazitäten frei als ich am Gipfel war und ging daher auf gut 3700 m eine Runde (im wahrsten Sinne des Wortes) joggen. Einmal um den Kraterrand. Das wollte ich diesmal vermeiden (auch weil die Kraterrunde in Teneriffa mit lediglich 300 m deutlich kürzer gewesen wäre).

Vorbereitung

Eigentlich ist die Besteigung denkbar einfach. Von etwa 2300 m fährt eine Gondel bis auf gut 3500 m. Von dort sind es nur noch wenige Höhenmeter (unter 200) die einen vom Gipfelerlebnis trennen. Viel komfortabler geht es nicht.

Man benötigt allerdings eine Lizenz, um die letzten Meter von der Bergstation auf den Gipfel zu gehen. Die ist zwar kostenlos, aber auch ebenso heiß begehrt. Ihr Aufkommen wird durch die staatlichen Stellen zusätzlich künstlich verknappt, um die lokale Tourismusindustrie (durch geführte Touren, etc.) zu stärken, so dass Individualbergsteiger aktuell ca. zwei Monate vorher auf der Webseite um die Lizenz bitten sollten. Selbst dann ist aber noch nicht gesagt, dass man auch den Zeitslot (man bekommt ein 2 Stunden Zeitfenster zugeteilt) bekommt den man möchte.

Aufgrund der kurzen Planung war eine Lizenz also nicht zu bekommen. Das Unterfangen Gipfel drohte zu scheitern.

Doch mit genauerem Einlesen stellte ich fest, dass die Parkranger keine Erdmännchen sind und es vorziehen in Häuser mit sozialem Umfeld zu leben. Das heißt, dass die Kontrollstelle an der Bergstation zwar jeden Tag von Rangern bewacht wird, die Ranger allerdings erst mit der ersten Gondel hoch- und mit der letzten wieder abfahren. Außerhalb dieser Zeitpunkte findet keine Kontrolle statt und damit ist die Besteigung des Gipfels ohne Lizenz zwar nicht legal, aber möglich.

Da war sie also wieder die Hoffnung.

Ich hatte nun zwei Möglichkeiten:

  1. Ich müsste den Gipfel bereits am frühen Morgen erklimmen. Dabei müsste ich vor 9 Uhr wieder am Kontrollpunkt bei der Bergstation vom Gipfel zurück sein, denn auch beim Passieren der Kontrollstelle nach 9 Uhr wird die Lizenz wohl kontrolliert. Ohne Lizenz soll es Ärger und empfindliche Strafen geben.
  2. Ich müsste erst nach 17 Uhr zum Gipfel aufbrechen.

Beides würde bedeuten, dass ich für einen Teil der Strecke auf die Gondel verzichten müsste und den Weg gehen müsste, da ja entweder noch keine oder keine Gondeln mehr fahren würden.

Egal, das war zu schaffen. Ich hatte mit dem Mt. Fuji ein gutes Benchmark für eine ähnliche Tour und fühlte mich auch sonst recht wohl in meiner Haut.

Kurz vor der Abreise aus Hamburg schaute ich mir das Ziel auf einer an der Bergstation montierten Webcam nochmal an. Das Bild zeigt die letzten knapp 200 Höhenmeter von der Bergstation der Gondel auf den Gipfel.

Feinstes Bergsteigewetter.

Brauche ich meine Wanderschuhe? Wohl nicht. Es ist trocken, es ist Sonne angesagt, die Strecke sollte technisch nicht anspruchsvoll sein. Ich würde auf die bewährten Nike FreeRN zurückgreifen, die mich auch schon auf den Mt. Fuji begleitet hatten. Die sind schön leicht und so bleibt im Handgepäck mehr Platz für andere Sachen.

Am Tag darauf sollte es nach Teneriffa losgehen. Ich wollte die Besteigung relativ am Anfang der Reise, vielleicht sogar direkt am ersten Tag, durchführen.

Daher checkte ich am Tag des Abflugs, also nur einen Tag nach obigen Bild, die Webcam in freudiger Erwartung erneut. Doch Unheil bahnte sich an: Das Bild hatte sich geändert. Es sah nun so aus.

Dieselbe Webcam, derselbe Ort und keine 24h später.

Mist. Das war gar nicht gut.

Spätestens jetzt lehnte meine Familie dankend ab mit mir den Berg zu besteigen und ich war auf mich alleine gestellt.

Doch ich kannte die Strecke nicht und hatte keine Idee was mich erwarten würde. Zudem war aufgrund der Lizenzprobleme sicher, dass ich die Strecke im Dunkeln ab- oder aufsteigen müsste. Aufgrund der Äquatornähe verkürzt sich die Dämmerung erheblich und wenn die Sonne einmal weg ist, dann geht es schnell mit der Dunkelheit.

Zu meinem Unglück war auch noch nahezu Neumond. Bei Vollmond hätte ich das Mondlicht (gesetzt der Himmel ist klar) gerne zur Hilfe genommen, doch damit war nicht zu rechnen. Zwischen Lavabrocken und in mir unbekannten und unwegsamen Geländer bei nahezu vollständiger Dunkelheit umherzuwandern? Keine gute Idee. Frischer Schnee ist daher das letzte was ich gebrauchen kann.

Und dann wollte ich ja noch in diese Höhle, die Cueva der Hielo, absteigen. Die sollte irgendwo ein paar Meter abseits (genaue Angaben waren nicht zu finden) des Weges liegen. Das würde dann natürlich auch ausfallen.

Hatte ich erwähnt, dass ich optimistischerweise meine Bergschuhe zugunsten der leichteren Nikes zuhause gelassen hatte?

Das Unterfangen drohte erneut zu scheitern.

Nun ja. Erstmal abwarten und Tee trinken. Ich beschloss, dass die Sonne ja innerhalb von wenigen Tagen das bisschen Schnee abschmelzen könnte und dass meine Planungen dann wieder hinhauen würden. Ich hatte ja ein paar Tage Zeit und konnte warten. Wie beim Mt. Fuji machte mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Es scheint, dass beinahe 4km hohe Berge wohl doch kein Kinderspiel sind.

Bereits am nächsten Tag sah die Situation dann wie folgt aus. Die Wolken waren noch da und der Gipfel präsentierte sich schön eingepudert.

Schön sieht er aus.

Ziemlich malerisch. Von einem Abschmelzen war allerdings nichts zu bemerken. Dabei war unten auf der Insel durchaus Sonne.

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Die Kathedrale von La Laguna im Norden von Teneriffa.

Doch auch meine täglichen Updates durch die Webcam änderten nichts an der Situation am Berg. Im Gegenteil. Der Wetterbericht kündigte weitere 20 cm „heavy snow“ an und die kamen dann tatsächlich auch.

Am vorletzen Tag unseres Urlaubs waren die Straßen zur Talstation gesperrt. Die Seilbahn fuhr nicht und auch für Personen die lediglich am Vulkan vorbeifahren wollten, oder sich auf einem der anderen zahlreichen Wanderwegen rund um den Vulkan ertüchtigen wollten, war die Straße gesperrt.

Die Gipfelbesteigung war damit eigentlich so gut wie gestorben. Ich sah mich bereits ohne die erfolgreiche Besteigung des El Teide im Flieger nach Deutschland sitzen.

Aber es gab noch eine Möglichkeit: Die letzte Nacht!

Der letzte Versuch

Doch um das zu ermöglichen müsste ein wenig gerechnet werden. Der Flieger nach Deutschland ging erst um 16 Uhr und so blieb noch der Vormittag zur freien Verfügung. Das würde bedeuten, dass ich den Berg in der Nacht zu Fuß hochlaufen müsste. Anschließend könnte ich dann theoretisch um 9 Uhr die erste Bahn runter nehmen. Oder vielleicht doch auch runter laufen? Das hätte ja auch was.

Zeitlich sollte sich das ausgehen. Sonnenaufgang würde um kurz vor 8 Uhr sein. Doch zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Gipfel zu sein war anspruchsvoll. Die Zeit für die Gipfelbesteigung war im Internet verschiedentlich mit 6-8 Stunden angegeben. Selbst wenn ich das halbieren könnte, wären es noch immer 3-4 Stunden. Um sicher auf den Gipfel aufzusteigen und vor 9 Uhr an der Kontrollstelle der Bergstation vorbei zu sein (sonst gibt’s Ärgern mit dem Personal), müsste ich also um 5 Uhr loslaufen. Es wäre knapp, aber machbar.

Exkurs: Die Spanier wissen selber nicht so ganz was Sache ist (oder ich verstehe miß). Auf den Schildern zu Beginn des Pfades (die oder deren Informationen sind selbstredend NICHT im Internet verfügbar –  was sich mit diesem Beitrag gerade ändert 🙂 ) sind für mich nicht nachvollziehbare Angaben gemacht.

Ein grünes Schild gibt für die Strecke eine Gesamtdauer von 5:30h an. Diese Strecke führt jedoch nicht ganz bis zum Gipfel, sondern nur bis zu La Rambleta. Das Höhenprofil gibt dementsprechend nur eine Weglänge von 8.31 km an.

Meine Messung der Wanderroute auf einer Karte ergab 9.4 km.

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Grünes Schild mit Höhenprofil der Strecke.

Ein braunes Schild hingegen, keine zwei Meter daneben, gibt als Gesamtlänge 10.76 km aus. Der Gipfel ist dabei unmissverständlich inkludiert, jedoch ist die Strecke nun zu lang. Schon bis zu La Rambleta sind es laut dieser Tafel 10 km. Zudem werden weiterhin 5:30h für die nun auf 10.76 km angewachsene Strecke angegeben. Es bleibt seltsam. Klar ist allerdings, dass die 6-8 Stunden die ich vorher dem Internet entnahm kein Scherz sind.

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Braunes Schild mit wichtigen Warnhinweisen.

Von unserem Hotel auf etwa 600 m dauert die Fahrt mit dem Auto etwa eine Stunde bis zum Startpunkt des Pfades auf gut 2300 m. Ich müsste also jemanden finden der mich fährt oder das Auto kurzzeitig an mich reißen.

Letzteres scheint mir fies, da meine Familie dann doch arg unmobil wäre. Und da seltsamerweise keiner Lust hat im Urlaub um 4 Uhr aufzustehen und mich im stockdunkeln eine Stunde auf einen Vulkan zu fahren, suche ich nach Alternativen.

Ein Bus fährt um die Zeit nicht, per Anhalter ist es nachts auch eher unwahrscheinlich mitgenommen zu werden. So bleibt das Taxi. Das würde sicherlich nicht billig werden, aber es wäre mir die Sache wert. Runter würde mich schon irgendjemand mitnehmen.

Laut Hotelchef liegt die Wahrscheinlichkeit jedoch nur bei 50%, dass ein bestelltes Taxi tatsächlich auch kommt. Das ist mir dann doch zu unsicher, denn wenn ich so früh aufstehe dann muss das auch klappen. Zumal mein Zeitplan ja ohnehin eng gestrickt ist. Das Taxi scheidet also leider aus. Es wäre vermutlich mit etwa 120 Euro ohnehin recht teuer gewesen.

Nach einer kurzen nächtlichen Unterredung und in Anbetracht der Gesamtlage erklärt sich meine Familie dann aber tatsächlich bereit mir das Auto zu überlassen. Vielen Dank! Ich verspreche im Gegenzug nichts Unüberlegtes zu tun und plane eine Rückkehr zwischen 12 Uhr und 13 Uhr ein.

Es kann losgehen!

Der Aufstieg beginnt

4:50 Uhr: Nach einer kurzen Nacht stehe ich um kurz vor 4 Uhr im Hotel auf und bin schon um 4:50 Uhr am Parkplatz. Es war wohl kein Verkehr um diese Zeit. 🙂

Bereits auf dem Weg zum Parkplatz beäuge ich das Thermometer im Auto kritisch, denn mit jedem Höhenmeter den ich unter mich bringe sinkt die Temperatur. Als ich aussteige sind es auf 2300m Höhe nur noch 4°. Das ist nicht zu unterschätzen, denn klar ist nur: wärmer wird es nicht.

Gerade als ich das Auto auf dem letzten freien Parkplatz abstelle macht sich ein weiterer Wanderer mit seiner Stirnlampe auf den Weg. Wir sehen uns, aber er grüßt mich nicht. Vielleicht ein Morgenmuffel. Wer will es ihm um diese Uhrzeit verdenken. Ich bin voller guter Laune weil es nun endlich losgeht und denke mir optimistisch: „Pah, den hole ich mir eh gleich. Quasi zum Frühstück.“

Endlich kann es losgehen. Der Rucksack liegt gepackt auf dem Beifahresitz und nach kurzer Vorbereitung bin ich startklar.

Um kurz vor 5 Uhr beginne ich den Aufstieg.

Es ist stockduster. Ich sehe nichts, was sich nicht direkt im Scheinwerferkegel meiner in die Jahre gekommenen Stirnlampe befindet. Aus lauter Jux habe ich mein Fahrradlampe mitgenommen. Eime gute Idee, denn die ist ziemlich hell und hilft mir auch mal weiter als 10 m zu gucken.

Eine weitere Folge der Dunkelheit ist, dass ich keine Fotos machen kann. Die kommen dann im zweiten Teil (hier klicken), also auf dem Weg runter.

Mein Rucksack liegt eng auf meinem Rücken. Er ist nicht ganz leicht. Ich habe gut vier Liter Flüssigkeit mit und Essen für eine Kleinfamilie. Man weiß ja nie. 🙂 Auch ein paar Extraklamotten haben den Weg in den Rucksack gefunden: Lange Unterhose, langärmlige Skiwäsche, eine Daunenjacke, was man halt bei -10° auf dem Gipfel so benötigen könnte. Die Handschuhe habe ich gleich zu Beginn angezogen, denn einmal eingefroren tauen meine Hände im Allgemeinen nicht mehr auf.

Das erste Wegstück (4.6 km) ist ein Pfad, der auch von den 4×4-Autos der Ranger gefahren werden kann. Es ist also relativ flach und breit. Ich beschließe daher ein wenig zu joggen.

Dann beginnen die langezogenen Serpentinen. Nur zu gerne würde ich hier abkürzen. Es erscheint mir müßig, dass ich all diesen Weg laufen soll, wenn ich doch auch etwas steiler gehen könnte.

Der Schnee der vergangenen Tage liegt schon wenige Höhenmeter über dem Start auf der Landschaft. Dennoch sind keinerlei Spuren von Abkürzungen zu sehen. Ich müsste also neu spuren. Doch in mir unbekanntem Terrain, morgens im Dunkeln, in Joggingschuhen, in teilweise kniehohem Schnee erscheint mir das nicht schlau.

Es bleibt mir nur die Serpentinen geduldig abzulaufen.

5:48 Uhr: Endlich, das Steilstück beginnt. Ab hier geht es nur noch für Menschen, Bergziegen oder andere Verrückte weiter.

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Es sind nur noch 4.7 km bis zum Teide. Erstmals scheinen die Wegstreckenangaben zu stimmen, denn insgesamt sollen es nun 9.3 km vom Parkplatz bis zum Gipfel sein. Das deckt sich recht gut mit den von mir ermittelten 9.4 km.

Ich sehe nach wie vor nur das wunderschöne Glitzern des Schnees im Schein meiner Kopflampe. Kurz aufblinkende Eiskristalle des frischen Schnees funkeln als sie das matte Licht meiner Beleuchtung erwidern. Es hat etwas meditatives und ich genieße den Anblick. Der Schnee schluckt sämtliche Geräusche und der Sternenhimmel über mir bietet einen fantastischen Anblick. Als Städter ist man einen solchen Anblick kaum mehr gewöhnt. Ich nehme mir ab und an ein paar Momente und gucke in die Ferne. Es ist schön. Doch je länger und öfter ich verharre, desto kälter wird mir. Ich muss mich weiter bewegen.

Der Blick nach oben offenbart, dass ich nicht ganz allein bin. Einen älteren Herren (Respekt!) habe ich bereits in den Serpentinen überholt, doch der motivierte Mensch, der nur wenige Minuten vor mir auf die Piste ging macht sich noch immer rar. Soll mein Frühstück vielleicht doch ausfallen?

Nein, ich sehe seine Stirnlampe. Er ist noch einige Kehren von mir entfernt und doch glaube ich ihm näher zu kommen. Aber das kann täuschen. Mit dem Steilstück sinkt unsere Gehgeschwindigkeit und damit sinken die Distanzen die uns trennen.

Doch ich habe Fahrt aufgenommen und nähere mich ihm. Irgendwann habe ich ihn vor mir. Er hat ein gutes Tempo drauf, so dass mir klar wird, warum es eine Zeit gedauert hat, bis ich ihn eingeholt habe. Ich könnte ihn bitten mich vorbeizulassen, doch ich finde das unhöflich. Ich bleibe daher zunächst in etwa 15 m Abstand hinter ihm.

Er bemerkt mich natürlich bei den Kehren und nach einigen Minuten ist es im wohl genug. Ein schroffes englisches „pass“ und eine Handbewegung bedeuten mir ich möge vorbeigehen. Ich bedanke mich höflich, doch es bleibt sein einziges Wort. Ich kann es ihm nicht verübeln. Bei unserem Tempo quatscht wohl keiner gerne ausführlich. Doch ein kleiner Austausch, was sein Zeitplan ist, wo er herkommt, etc. hätte ich begrüßt. Man hätte ja zusammenarbeiten können.

Doch das ist ausgeschlossen. Ich verliere ihn schnell aus den Augen und bin dann wieder alleine.

Der Pfad wird unwegsamer. Die Spuren sind gering, aber vorhanden. Gelegentlich muss ich mich erst kurz orientieren, um den Weg zu finden. Denn meine Stirnlampe schränkt mein Sichtfeld ein und wenn aufgrund von Windschneisen oder Felsen der Schnee einmal ausbleibt, dann sind auch die Spuren weg und der Weg taucht in der Homogenität des Gesteins unter.

Wenn auch die Beschaffenheit des Weges sich ändert, es bleibt steil und es ist kein Ende abzusehen. Irgendwann verschwindet auch das Flachstück aus der Reichweite meiner Leuchtmittel. Damit ist über mir steiler Berg und unter mir auch. Die Richtung ist also klar. 🙂

Es ist schön hier zu sein und ich genieße es die kalte Luft durch meine Lungen zu pressen, die sich mühen ihr den immer knapper werdenden Sauerstoff abzunehmen. Auf dem Gipfel werden, verglichen mit dem Anteil auf Meereshöhe, nur noch 65% des Sauerstoffs in der Luft sein. Doch es passt. Ich finde mein Tempo und komme noch immer gut voran.

6:25 Uhr: Kurz vor dem Refugio Altavista auf 3260 m beschließe ich meine Mütze aufzusetzen. Ich habe geschwitzt und befürchte mich andernfalls zu erkälten. Das muss ja nicht sein.

Ebenfalls kurz vor dem Refugio überhole ich ein Grüppchen von vier Frauen. Ich sehe sie erst relativ kurz bevor ich auf sie auflaufe. Meiner Vermutung nach eine lokale Führerin und drei Touristen. Es ist mittlerweile 6:29 Uhr. Ich bin nicht sicher, wann sie losgelaufen sind, doch da sie sie relativ langsam gehen bestimmt 1.5 h vor mir. Die Gruppe ist ein wenig verstreut und so müssen alle separat eine kleine Zwangspause einlegen, als sie mich freundlicherweise auf dem engen Weg passieren lassen.

Teilweise erfolgt diese Pause so rechtzeitig (und ist vielleicht gar nicht so unwillkommen?), dass ich mich genötigt sehe meine Schritt nochmals zu verschärfen, um sie nicht zulange warten zu lassen und aus dem Tritt zu bringen. Sie sind freundlich, wenn mir auch ihre Blicke leicht zweifelnd vorkommen. Alle sind gut ausgerüstet und vielleicht sind diese zweifelnden Blicke auf meine nicht 100% perfekte Ausrüstung zurückzuführen. Oder darauf, dass sie sichtlich mit den Mühen der Höhe und Steigung zu kämpfen haben, während irgendsoein dahergelaufener Hamburger quasi im Laufschritt und scheinbar mühelos an ihnen vorbeizieht.

Dann wird es wieder einsam.

Das Gelände wird offener und der Wind nimmt zu. Gleichzeitig nimmt auch der Schnee zu. Es ist in Teilen nicht mehr so steil, vielleicht kann sich der Schnee dann besser fangen?

Ein paar Mal kommt es vor, dass ich keinen Trampelpfad, sondern nur einzelne Schritte im tiefen Schnee vor mir habe. Ich muss also in anderer Leute Spuren gehen.

Das wäre unproblematisch, ja, ich bin sogar sehr dankbar für diese Spuren, doch regelmäßig stecke ich dann fast bis zum Knie im Schnee. Meine Laufschuhe tanken dann Schnee, der in Sekunden zu Wasser werden kann. Die Folge ist ein hektisches Herunterbeugen, um den Schnee schnell wieder loszuwerden, denn nasse, kalte Füße kann ich gar nicht gebrauchen.

Sobald ich nicht voll konzentriert bin und gedanklich abschweife, kommt es auch zu Fehltritten und ich muss ebenfalls in den tiefen, nicht festgetretenen Schnee ausweichen.

Das liegt vermutlich vor allem daran, dass meine Schuhe kaum/kein Profil haben und ich jeden Schritt auf Schnee mit sehr viel Bedacht setzen muss.

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Mein „Bergschuh“. Der Nike Free Rn.

So geht es umsichtig und voll konzentriert weiter den Berg hinauf.

Unerwartet kommen mir nun zwei weitere Bergsteigerinnen entgegen. Moment. Entgegen? Sind die schon wieder auf dem Abstieg? Das kann eigentlich nur heißen, dass sie sehr früh oben waren, oder dass der Gipfel nicht mehr weit ist. Das muss ich wissen und frage nach einer kurzen Begrüßung nach. Zu meiner Überraschung heißt es, es sei „too difficult“ und sie brächen den Aufstieg deshalb ab. Ich habe kurz Bedenken was da noch kommt, aber solange ich mich sicher fühle werde ich weitergehen.

Erst kurz vor der Bergstation (vielleicht 15 Minuten bevor ich sie erreiche), lichtet sich der Himmel. Der Sonnenaufgang zeichnet sich ab, die Dämmerung beginnt. Schaffe ich es vielleicht doch rechtzeitig zum Sonnenaufgang auf den Gipfel? Ein zaghafter Blick nach oben und ich sehe zum ersten Mal die Silhouette der Spitze des El Teide, die sich vor dem Morgenhimmel abzeichnet. Nahezu perfekt symmetrisch. Es sieht beindruckend aus und ich freue mich es bis hierhin so problemlos geschafft zu haben.

Es folgt eine kurze Traverse, auf der ich ein wenig Kraft tanken kann, durch ein paar Schneefelder in Spuren laufen muss und zum ersten Mal wieder ein paar Meter bergab gehen muss. Es ist allerdings an einigen Stellen auf dem plattgetretenen Schnee rutschig und ich habe jetzt schon ein wenig Bedenken wie der Rückweg wird.

7:06 Uhr: Ich muss mich weiter ranhalten. Gerade der letzte Teil des Aufstiegs soll es in sich haben. Doch bereits um 7:06 Uhr erreiche ich die Gipfelstation der Gondel. 3550m und ich sollte genug Zeit haben, um es die letzten knapp 200 Höhenmeter nach oben zu schaffen.

Doch Zeit ist jetzt nebensächlich. Ich bin am Kontrollpunkt der Ranger vorbei und werde den Gipfel erreichen! In meinem Weg sind nur noch einige Felsen und ein seltsam gut ausgebauter Weg. Ich bin angenehm überrascht und kann mein Tempo ein wenig erhöhen.

Doch es währt nicht lange und ich bin zurück in einem Felsenfeld, das mit immer mehr Personen befüllt ist. Gelegentlich muss ich warten, um an ihnen vorbeizukommmen, denn Sicherheit geht hier absolut vor. Doch manchmal kann ich mit ein zwei schnellen Schritten auch eine Serpentine abkürzen. So hangele ich mich nach oben durch und komme gut voran.

Der Gipfel

7:23 Uhr: Geschafft! Ich bin (für mich ein wenig überraschend – ich hatte mehr Zeit eingeplant) um 7:23 Uhr am höchsten Punkt Spaniens! Und das sogar noch vor dem Sonnenaufgang! Das lässt genug Zeit für eine erste Pause in der ich sogleich mein durchgeschwitztes, kurzärmeliges Shirt unter dem Fleece und dem Windbreaker gegen ein trockenes langärmeliges Oberteil austausche.

Oben ohne stehe ich nun bei -10° in den Schwefelschwaden auf dem El Teide. Hätte ich jetzt so auch nicht gedacht. Kalt ist mir nicht und doch bin ich froh, dass ich noch eine weitere Schicht dabei habe, die ich jetzt trocken überziehen kann. So sollten sich auch die verbleibenden Minuten bis zum Sonnenuntergang ertragen lassen.

Erstmals lässt das Licht ein Foto zu.

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Kurz vor Sonnenaufgang in den Schwefelschwaden auf dem Gipfel des El Teide.

 

Der Blick in den Krater und (viele) Fotos vom Weg hinab folgen im zweiten Teil (hier klicken).

Anhang

Für den geneigten Leser noch die Daten des Aufstiegs. Laut Karte galt es 1337 Höhenmeter auf 9.41 km zu überwinden. Das gelang mir nach 2 Stunden und 28 Minuten.

Sicherlich nicht die Zeit eines Berglaufs oder gar einer Speedbegehung, aber dennoch angesichts der Bedingungen (unbekanntes Terrain, Dunkelheit, Schnee und Eis), meines (zugegebenermaßen selbst gewählten) Materials und der sonst angebenen 6-8 Stunden auch keine ganz schlechte Zeit. Zudem hatte ich keinerlei Bestrebungen eine bestimmte Zeit zu erreichen.

Den gpx-Track des Aufstiegs kann man hier herunterladen (pdf Endung durch gpx ersetzen).

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Ein Gedanke zu “Am höchsten Punkt Spaniens! Teil 1

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