Am höchsten Punkt Spaniens! Teil 2

Fortsetzung des 1. Teils (Link).

Es ist frostig und schroff auf dem Gipfel. Der Wind lässt die vermutlich -10° nochmal kälter erscheinen. Ich habe am Gipfelrand einen mittelgroßen Felsbrocken erklommen, der nun wahrlich der höchste Punkt hier oben ist. Irgendwie ein tolles Gefühl, wenn man weiß, höher könnte man hier nur kommen, wenn man Flügel hätte.

Mit mir sind etwa 15 andere Personen zum Sonnenaufgang am Gipfel. Einige warten wahrscheinlich schon ein paar Minuten länger und halten sich ein wenig tiefer auf. Dort ziehen Schwaden aus dem Krater heraus und werden nach wenigen Metern in der Luft vom Wind verweht. Diese Schwaden sind keine Wolken, wie ich anfänglich dachte, sondern sind schweflig riechende Ausdampfungen aus dem Krater. Ich empfinde den Geruch als unangenehm und kann nicht so recht nachvollziehen, wie man sich freiwillig dort aufhalten kann. Eine mögliche Erklärung finde ich wenige Minuten später.

2016-12-28-07-32-48_stitch

Blick in den Krater (ca. 85 m Durchmesser). Der Weg führt auf der linken Seite zum höchsten Punkt, an dem dieses Foto aufgenommen wurde.

Die Fotos kommen mit einem Preis, denn der Wind kühlt meine, zum besseren Handling der Kamera aus den Handschuhen entflohenen, Hände binnen Sekunden aus. Das ist unangenehm.

Ich müsste ein wenig warten bis zum berechneten Sonnenaufgang. Allerdings verhindert eine Wolkenschicht, dass die Sonne über dem Meer aufgeht. Ich warte noch ein paar Minuten, doch dann wird klar, dass der Sonnenaufgang wohl heute etwas später und erst über den Wolken stattfinden wird. Schade. Denn darauf hatte ich mich schon gefreut und auch den Schattenwurf des Teide hätte ich mir gerne angesehen. Schon bei der Besteigung des 4565 m hohen Mt. Meru in Tanzania hatte mich dieser Anblick eigentlich mehr fasziniert, als der Sonnenaufgang selber.

Hier ein Video, wie das bei gutem Wetter aussehen kann:

Das Wetter kann ich nicht beeinflussen und so mache ich (und einige andere) sich bereit für den Abstieg. Noch am Kraterrand fällt mir auf, dass es drei Zustände des Gesteins gibt. Weiß, also mit Frost belegt, dunkelbraun und hellbraun. Während der erste Zustand sofort einleuchtet, sind mir die anderen beiden zunächst unklar.

2016-12-28 07.37.51.jpg

Blau ist der Himmel, weiß der Frost, doch warum gibt es dunkel- und hellbraun? (rechter Bildrand)

Ich gucke mir das genauer an und stelle fest, dass es immer wieder kleine Lücken gibt. Sind das einfach nur Felsspalte? Ich ziehe einen Handschuh aus, um der Sache auf den Grund zu gehen. Zu sehen ist nichts, doch schon bei der Annäherung auf einen halben Meter bemerke ich einen Lufthauch. Meine Hände sind eiskalt, so dass mir die Einordnung der Temperatur nicht möglich ist. Aber ich bin auf einem Vulkan. Es könnte also durchaus sein, dass hier warme Luft austritt.

Und tatsächlich, meine Vorsicht macht sich bezahlt. In sicherer Entfernung tauen meine Hände schnell auf und ich kann die Temperatur der ausströmenden Luft erahnen. Direkt am Austritt hätte ich mir meine Finger vermutlich schnell verbrannt. Näher als 30 cm kann ich meine Hände auch aufgetaut und mit Gefühl bestückt nicht an die Öffnungen heranführen.

Zu meiner Begeisterung riechen diese Luftaustritte nicht nach Schwefel. Die austretende Luft ist geruchslos und einfach nur heiß. So erklären sich dann auch die Farbunterschiede in der Erde. Durch die Hitze schmilzt der Schnee und färbt die Erde durch die Feuchtigkeit dunkel. Dort wo genug Hitze ist schmilzt dieser Schnee dann nicht nur, sondern die Erde trocknet völlig aus und wird hell. Eine tolle Sache und ich bin froh mit warmen Händen und um ein Erlebnis reicher den Rückweg antreten zu können. Gleichzeitig wird mir auch klar, dass die Leute am Gipfel vielleicht deswegen etwas weiter unten den Geruch des Schwefels ertragen haben, um von den warmen Ausdünstungen zu profitieren.

7:36 Uhr: Der Abstieg beginnt. Ich bin gut ausgeruht und mein trockenes Shirt fühlt sich genau richtig an. Nach wenigen Minuten bin ich an der Bergstation.

2016-12-28 07.41.43.jpg

Die letzten Meter zum Gipfel.

Ich erreiche das Kontrollgate, das mir sonst den Zugang verwehrt hätte. Es ist nicht besetzt und mit einem Gefühl der Genugtuung durchschreite ich es.

2016-12-28 07.49.28.jpg

Hier wird kontrolliert. Allerdings nicht vor 9 Uhr. 🙂

Von hier aus könnte ich nun eigentlich die Seilbahn nehmen und gemütlich herunterfahren. Doch es ist erst 7:49 Uhr. Die erste Bahn fährt um 9 Uhr. Soll ich jetzt etwa gut eine Stunde hier oben rumsitzen? In der Zeit bin ich schon die Hälfte des Weges heruntergelaufen. Zudem habe ich aufgrund der Dunkelheit wirklich nur wenig gesehen. Und dann ist da ja noch die Cueva del Hielo, die ich mir so gerne ansehen würde.

Die Entscheidung fällt schnell und ich schlittere die Traverse hinüber zum Weg, der mich nach unten führt. Ein Blick zurück zeigt mir erneut die Silhouette des El Teide. Nun allerdings mit einigen Details mehr.

2016-12-28 07.55.01.jpg

Noch vor wenigen Minuten stand ich dort oben.

Es ist wie befürchtet an einigen Stellen recht glatt und das was beim Aufstieg noch relativ einfach war erweist sich nun als tricky. Doch es hält sich alles sehr in Grenzen und die Stellen lassen sich meistern.

2016-12-28 07.52.50.jpg

Da sind sie, die Fußstapfen a.k.a. der Weg.

Auf dem Rückweg geht es durch ein Feld von riesigen Felsen. Wie in einem Labyrinth schlängelt sich der Weg durch diese bis zu 5 m hohen Gesteinsbrocken. Auch auf die Gefahr mich zu wiederholen: Toll!

2016-12-28 07.54.19.jpg

Ich bin froh, dass nicht hier war als sich diese Brocken ihren Platz gesucht haben.

Die Sonne müht sich weiterhin, doch die Wolken sind dicht. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich die ersten Sonnenstrahlen abbekomme. Der Vorteil ist natürlich, dass ich die Sonnenbrille nicht aufsetzen muss. Denn Schnee und Sonne sind schnell viel zu hell und die Gefahr der Schneeblindheit sollte nicht unterschätzt werden. So bleibt der Augenschutz allerdings im Rucksack.

2016-12-28 07.51.54.jpg

Die Sonne ist um 7:51 Uhr erstmals teilweise sichtbar. Sie kämpft, doch die Wolken sind ein würdiger Gegner.

Das nächste Ziel ist nun die Cueva del Hielo. Auf der Webseite von Rafael Cedrés (http://www.cedres.info) gibt es dazu viele Informationen (Link 1, Link 2) und weitere Bilder. Mit seiner Genehmigung gebe ich auch die folgenden zwei Bilder von diesen Seiten wieder. Ich will die Inhalte nicht wiederholen, aber vielleicht eine komprimierte Fassung zur Verfügung stellen.

Wenn sich die glühend heißen Lavaströme zu Tal wälzen entstehen unterirdisch mitunter Kanäle in denen die Lava fließt (siehe z.B. die Thurston Lava Tube auf Hawai’i oder Wikipedia). Die Lava oben kühlt ab und fließt unterirdisch weiter. Wenn dieser Strom nun abreißt, dann bleiben Tunnel übrig. Und wenn die Decke dieser Tunnel vielleicht doch nicht so dick ist und einbricht, dann hat man eine Höhle.

cueva-postcard

Historische Darstellung auf einer Postkarte (zwischen 1900 und 1905).
Quelle: FEDAC.

Diese Höhlen wurden bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts von den Einwohnern der Insel als natürliche Eisschränke genutzt. Von der Sonne geschützt hielt sich dort das Eis oft bis lange in den Sommer und so konnte sich die Insel stets mit dem begehrten Eis versorgen.

cueva-drawing

Eine Zeichnung des Grotteninneren.
Quelle: Catálogo espeleológico de Tenerife. Museo de Ciencias Naturales. Cabildo de Tenerife. 1995.

Die Cueva del Hielo liegt auf 3333 m Höhe ist etwa 55 m lang, 9 m hoch und 15 m breit. Auf den Fotos, die im Internet kursieren führt eine Leiter hinab und man kann sich in dieser Höhle frei bewegen. Die Leiter sieht auf den Fotos nicht besonders vertrauenserweckend aus und auch die Aussicht alleine in einer 9 m tiefen Lavahöhle zu sein ist ein wenig beunruhigend. Denn wenn hier irgendetwas passiert, dann ist sicher, dass mich a) so schnell keiner findet, da das kein Ort des Massentourismus ist, b) ich keinen Handyempfang habe und c) es ziemlich kalt sein dürfte.

Die Höhle liegt ein wenig abseits des Pfades und ich konnte leider keine genauen GPS-Koordinaten finden. Dennoch, ich hatte ein paar Angaben und war gewillt der Suche ein wenig Zeit zu opfern.

Ich habe Glück. Meine vorherige Recherche hat sich ausgezahlt und ich finde die Höhle auf Anhieb. Mir ist zwar ein wenig mulmig auf einem Lavafeld, dass mit Schnee zugedeckt ist vom Weg abzuweichen, doch mit Vorsicht und ein wenig Entdeckerdrang gelingt es mir einen sicheren Weg auszumachen.

2016-12-28 08.13.15.jpg

Hier muss man vom Weg abweichen und in das Lavafeld einsteigen, um zur Cueva del Hielo zu kommen.

Bei Breitengrad 28.274684722222 und Längengrad -16.633152222222 (Google Maps Link) befindet sich die Cueva del Hielo. Der Abzweig vom Weg ist bei 28.274312777778, -16.633137777778 (Google Maps Link).

Nach diesem Erfolgserlebnis folgt jedoch sogleich die Ernüchterung. Die Leiter fehlt. Ich bin enttäuscht. Ohne Leiter oder Kletterausrüstung hineinzuklettern ist unmöglich, da der Eingang, wie bereits beschrieben in der 9 m hohen Decke der Höhle liegt. Mir bleibt nur ein unspektakuläres Foto von oben und die Gewissheit sie gefunden zu haben.

2016-12-28 08.09.33.jpg

Die Höhle ist abgesperrt, die Leiter abgebaut und ich ein wenig enttäuscht. Schön zu sehen sind die verschiedene Schichten der Lava.

Doch so schlimm ist es auch nicht. Der Ausflug war lustig und eine kleine Herausforderung. Jetzt gilt es wieder sicher auf den Weg zurückzukommen.Um mich herum ist eine Steinwüste, der der Schnee einen wohltuenden Akzent liefert.

2016-12-28 08.10.42.jpg

Eine steinige Angelegenheit.

2016-12-28-08-10-59

„Folgen Sie einfach Ihren Fußstapfen.“

Das schöne am Schnee ist, dass er einem automatisch den Weg zurückweist. Nach meinem kurzen (weniger als 15 Minuten) Ausflug geht es nun ganz regulär weiter bergab.

2016-12-28-08-20-12

Auf 3260 m, das Refugio Altavista.

8:20 Uhr: Ich erreiche das Refugio Altavista. Immer wieder hatte ich zwischendurch meiner Familie Positionsmeldungen per Handy durchgegeben und so langsam bin ich optimistisch, dass ich bereits deutlich vor 12 Uhr wieder bei ihnen sein würde.

Die Sonne bemüht sich weiterhin nachhaltig, doch es hilft nichts. Auf eine Wolkendecke folgt die nächste.

2016-12-28-08-31-08

Tapfer versucht sich die Sonne einen Weg zu bahnen, leider ohne Erfolg.

Es ist kein Durchkommen für die Sonne und so stapfe ich motiviert von meinem Gipfelerfolg und vermutlich auch, weil der Sauerstoffgehalt sich merklich bessert, zügig in die Kaldera, die Cañadas del Teide, ab.

2016-12-28 08.31.15.jpg

Es ist steinig und verschneit.

Der Weg ist noch immer verschneit und der Schnee wird pappiger. Es beginnen sich eisige Flächen zu bilden. Die steigenden Temperaturen des Tages können aus diesen Wegen noch richtig fiese Eisflächen zaubern. Ich bin froh, dass ich die Kälte des Morgens genutzt habe und mich so weitestgehend (bis auf wenige Stellen) dieser Problematik entziehen konnte.

2016-12-28-08-31-41

Die erste Vegetation lässt sich blicken.

Zu erkennen sind nun auch die Serpentinen des Flachteils.

2016-12-28-08-36-38

Keine „Eier“, wie weiter unten, aber dennoch gewaltige Felsen.

Ein paar riesige Felsbrocken säumen auch hier den Weg und ich sehe erstmals, welchen Weg ich heute morgen in der Dunkelheit beschritten habe. Es war sicher die richtige Entscheidung nicht mit der Gondel abzufahren, sondern sich das hier bei Tageslicht anzusehen.

2016-12-28-08-56-10

The road is long and winding.

Der Flachteil beginnt. Es bleibt bewölkt und dieses Schicksaal scheint auch der restlichen Insel nicht erspart zu bleiben.

2016-12-28-09-00-03

Los Huevos del Teide.

9:00 Uhr: Ich erreiche die Eier des Teide (Huevos del Teide). Nun ist es nicht mehr weit und ich schreibe meiner Familie, dass ich es mit ein wenig Glück vielleicht noch bis zum Frühstück ins Hotel schaffe. Das Frühstück geht bis 10 Uhr und so verbliebe noch eine Stunde für den restlichen Weg und die lange Fahrt abwärts mit dem Auto.

Der Untergrund des von mir gewählten Weges ist grober Kies. Das hat den Nachteil, dass man ständig einsinkt. Dort hingegen wo der Schnee liegt ist es festgefroren. Das hat den Vorteil, das man nicht einsinkt, es aber aufgrund der Schräge glatt und unangenehm zu laufen ist. Ich merke jedoch, dass der Kies sehr homogen ist.

schraeg-2

Schräge Sache.

Bereits bei den Vorbereitungen zur Begehung des Mt. Fuji hatte ich gelesen, dass es dort eine Route gibt, die einem beim Abstieg das Gefühl von Sieben-Meilen-Stiefeln ermöglicht. Die Idee ist, dass man den Berg hinabrennt. Durch den grobkörnigen Kies wird jeder Schritt sanft gebremst und man wird nicht zu schnell. Dennoch ist die Steigung groß genug, als das man recht große Sätze machen kann.

Sobald der Schnee weniger wird probiere ich das und bin angenehm überrascht. Es klappt!

schraeg-1

Mit der neuen Technik geht es gut voran.

So fliege ich über die langen Hänge förmlich dem Parkplatz entgegen.

9:16 Uhr: Geschafft! Ich bin zurück am Parkplatz und stehe vor meinem Auto. Vor gut 4 Stunden bin ich von hier aufgebrochen, um den höchsten Berg Spaniens zu besteigen. Dass ich jetzt schon wieder unten bin freut mich und ich bin glücklich bei dieser Besteigung alles richtig gemacht zu haben.

2016-12-28-10-20-00

Die ersten und letzten Meter des Weges.

Meinen Essensvorrat habe ich so gut wie nicht angerührt und auch die Flüssigkeitbevorratung war mehr als ausreichend: gute zwei Liter habe ich übrig. Doch die werden vermutlich bis zum Hotel dran glauben müssen.

Bevor ich den Heimweg antrete genieße ich noch den Blick in die wahnsinnig große Kaldera.

panocanadas.jpg

360° Blick in die Kaldera. Der Teide ist rechts zu sehen.

Dann geht es nach unten. Mir kommen zwar zahlreiche Reisebusse entgegen, doch auf dem Weg runter ist es ähnlich entspannt wie auf dem Weg hoch. Kein nennenswerter Verkehr.

10:05 Uhr: Um wenige Minuten nach 10 Uhr habe ich das Auto vor dem Hotel abgestellt und stapfe in den Frühstücksraum. Dort sitzt meine Familie noch beim letzten Kaffee und auch ich bekomme nach dem anerkennenden „Estás loco!“ der Kellnerin und einer kurzen Beschreibung der Tour noch einen frischen Kaffee.

Dann kann der Tag ja jetzt losgehen! 🙂

Advertisements

Ein Gedanke zu “Am höchsten Punkt Spaniens! Teil 2

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s